Bericht über Sichtung und Erbeutung von Hyazintharas in Nordwest Bahia während der Expedition der österreichischen Akademie der Wissenschaften in Nordost Brasilien im Jahr 1903. Von Otmar Reiser im 1926 in Denkschriften der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse, Vol. 76 unter "Die Ergebnisse der Zoolog. Expedition der Akad. der Wissenschaften nach Nordostbrasilien im Jahre 1903" veröffentlicht.

Eintragung über Anodorhynchus hyacinthinus (Lath)

Brasilianisch: Arara preto – Hyazinth Arara

Obwohl wir Gelegenheit fanden, zwei gefangene und gezähmte solcher Riesenpapageien in Santa Rita gebührend zu bewundern, die aus dem Quellgebiet des Rio Preto dorthin gebracht und uns zum Kaufe angeboten wurden, so dauerte es doch viele Wochen, bis wir ihre Bekanntschaft in der Freiheit machen und noch länger, bis wir der ersten habhaft werden konnten.   

 

Es war am 28 VI. in Riacho de Varzea Grande, als uns ihre weithin hörbare Stimme ihre Anwesenheit verriet. Bald drauf erblickten wir zwei offenbar gepaarte Paare, die erfolglos beschossen, in schönen Schraubenlinien zu beträchtlicher Höhe emporstiegen und dabei ohne Unterlaß ihr kurzes Krächzen (Wrak Wrak) ausstießen. Erst am 5. VII. begegnete mir hinter Brejão (westlich von S. Antonio de Gilboez) ein Paar in schußmäßiger Entfernung, so dass ich ohne Mühe das ♂ herabholen konnte. Das ♀ trennte sich erst nach mehreren Schüssen, sicherlich angeschossen, und unter fortwährendem Wraga-Wraga-Gekrächze von der Unglückstätte. Unweit von dort entdeckte Wachsm. mitten in der Catinga-Waldung eine Brandfläche, welche Xingú genannt wird und sich als Lieblingsversammlungsplatz der großen Blauröcke herausstellte. Es waren bei 50 Stück anwesend und nachdem W. auf sie ein regelrechtes Schnellfeuer eröffnete, blieben sieben am Platze. Eine Anzahl wurde schwerkrank geschossen und der letzte Abziehende sogar auf etwa 100x von W. mit der Kugel gestreckt. Diese Gegend, namentlich in der Nähe von Riacho de Santa Maria ist überhaupt an Araras reichste auf unserer ganzen Reise gewesen, denn gegen Riacho do Oro zu gab es schon weit weniger.

Am Tage nach diesem Gemetzel hielten sich die Araras zumeist in den Palmenkronen auf und verrieten iher große Erregung durch fortwährendes Kreischen und Lärmen.

Nach eingeholten Erkundigungen soll der “Arara preto“ sowohl als auch der rote Arara das Brutgeschäft in den zahlreichen Löchern und Spalten der Felsengalerien und oft unersteiglichen Felsbrocken unweit des Riacho d’Ardeia vollziehen und im Dezember Eier legen.

An solchen Orten wäre wohl der beim Brüten entschieden lästige lange Schwanz leichter unterzubringen als in noch so großen Baumlöchern wo er meist senkrecht nach aufwärts gestellt werden muß.

Am 10. VII. stießen wir am Rio Taquarassú auf drei Stück, die sich jedoch unter mächtigem Geschrei rechtzeitig in Sicherheit brachten. Tags drauf zog ein lautmeldendes Paar schon lange vor Sonnenaufgang an unserem Lagerplatz vorbei und später wurden in der Nähe noch drei Stück aufgescheucht.

An der Mündung des aus dem Staat Maranhão fliessenden Baches Medonho brachte am 22. VII. ein von Sant. abgegebener Schuß einen von drei daherziehenden dieser Araras zu Fall, aber trotzdem gelang es dem schwerangeschossenen Vogel, dank seiner fabelhaften Zählebigkeit, zu entkommen. Es hat den Anschein, daß diese Gegend im oberen Flußlauf des Parnahyba zu dieser Jahreszeit fast ausschließlich nur von diesem größten aller Papageien bewohnt wird. So verbrachten beispielsweise sehr viele die Nacht von 23. auf den 24. VII. in unserer nächsten Nachbarschaft und zogen wie gewöhnlich schon äußerst frühzeitig auf Äsung aus. Wir folgten ihnen hierauf in ein Seitental mit einem kleinen Wasserlauf bei Facenda Morro Vermehlo und schossen wieder ihrer drei schwer an, ohne auch nur einen zu erhalten. Unter den Bäumen, auf die sich die Angeschossenen zunächst retteten, war der Boden gerötet von Schweiß, aber trotz alledem schleppten sie sich in vortrefflicher Deckung, unter unausgesetztem Gekreisch mühselig immer weiter und weiter. Ein neuer Beweis dafür, daß dieser Arara am sichersten nur mit dem Kugelgewehr zu erbeuten ist.

Während der weiteren Floßfahrt wurden wir am 26. VII. nachmittags durch durchdringendes Rufkreischen veranlaßt, gegenüber der Mündung des Flußchens Galeota anzulegen.

Bald entdeckten Sant. und ich eine vor ganz kurzer Zeit hergestellte Brandfläche, auf welcher die Araras die vom Feuer bloßgelegten und zum Teil sogar angerösteten Nüsse einer Kokospalme (Affenkokosnuß) =Attalea compta Mart. mit großer Vorliebe aufsuchten, mit ihren gewaltigen Schnäbeln zerknackten und mit den Kernen ihre Kröpfe anpfropften.

Unsere wohlgezielten Schüsse hatten zunächst gar keinen Erfolg, sondern erst später, als bei vorgeschrittener Dämmerung ein Trupp nach dem andern sich erhob, um an die Schlafplätze in den Buriti-Palmen am andern Ufer in Piauhy zu fliegen, erlangte ich zwei und Wachsm. ein Stück.

Am nächsten Morgen besetzten wir nun zu dritt die gefundenen Brandstätte und bald drauf begann es aus allen Flinten zu krachen, als die Flüge der Blauröcke wieder zur Äsung auszogen. Wähend sich gestern abends die Vögel um ihre herabstürzenden Gefährten absolut nicht kümmerten, offenbar um keine Zeit zu verlieren, kehrten sie heute immer wieder zurück, machten einen Höllenspektakel und schickten sich an, den Gefallenen zu Hilfe zu eilen.

Neuerdings mußten wir über die enorme Lebenskraft dieser Vögel staunen: obschon nämlich Sant. drei und Wachsm. gar sechs Stück erbeutete, entkamen mindestens doppelt so viele mehr oder weniger stark angebleite!

Daraufhin wurde jede Verfolgung unsererseits eingestellt und selbst die Beobachtungen erstreckten sich nur mehr auf die letzten Julitage, indem einige starke Schreier sich bei der Urubu-Sinho-Strom schnelle bemerkbar machten und andere den ganzen Tag über ihre Anwesenheit auf beiden Flußufern durch lautes Gekrächze verrieten. In diesen Gegenden kann man oft stundenlang verweilen, ohne einen einzigen zu sehen oder zu hören, sowie aber in der Nähe ein Schuß abgefeuert wird, antworteten sie augenblicklich mit dem kurz hervorgestoßenen “Wrak Wrak“.     

Die letzten kamen bei S. Migoel und S. Estevão, wo ziemlich viele in einem Kokospalmenhain versammelt waren, zur Beobachtung. Es ergibt sich also deutlich, daß sich derzeit das Verbreitungsgebiet dieses größten Araras auf den Oberlauf der größeren Flüsse beschränkt. Hier hat der Vogel genug seiner Lieblingsnahrung und ist auch weniger menschlichen Verfolgungen ausgesetzt. Gefangen wird er verhältnismäßig selten, aber wegen seiner Federn und auch des ansehnlichen Wildbrets halber wird ihm vielfach nachgestellt.

Die abgezogenen Körper der von uns Geschossenen lieferten, genügend lange gekocht, dann in Schweinefett geschmort und mit Farinha überstreut, eine sehr willkommene Abwechslung bei unseren eigenhändig hergestellten Mahlzeiten während der langwierigen Floßfahrt.

                                           Nr. 1047. ♂        Nr. 1048. ♂           Nr. 1049. ♀             

     Flügel:                               430                     405                        406

     Schwanz:                           505                     555                        520

     Schnabel:                           115                     104                        114

     (über den First)

Iris schwarzbraun, Schnabel und Füße schwarz mit einem Stich ins Graue. 

Ende des Berichts