Wichtige Beobachtungen im Paraguayischen Urwald. Von Hans Freiherr von Berlepsch. Im Journal für Ornithologie im Jahre 1917 veröffentlicht.
(Red: Einige biographischen Informationen über Dr.phil.h.c. Hans Freiherr v.Berlepsch, Nestor des Deutschen Vogelschutzes (1857 - 1933).
Am 18.10.1857 wurde in der Burg Seebach Hans Freiherr v.Berlepsch geboren, der spätere Nestor des Vogelschutzes in Deutschland. Angeregt durch die Stubenvogelhaltung seines Vaters beschäftigte er sich schon frühzeitig mit der Vogelwelt.Der junge Hans Freiherr v. Berlepsch unternahm eine Vielzahl von Reisen, zum Beispiel nach Italien, Südamerika, Norwegen und Spitzbergen.
Aufgrund der dabei gewonnenen Erkenntnisse zu Lebensraumansprüchen und Nistgewohnheiten von Vögeln gestaltete er in den Jahren 1884/85 den Obstgarten der Burg mit einem Teich und umliegendem Wald in einen umfangreichen und sehr vielseitigen Vogelschutzpark mit allen erforderlichen Einrichtungen und Schutzmaßnamen um.
Sein Engagement für den Vogelschutz stellte er auch außerhalb der Landesgrenzen unter Beweis, indem er sich z.B. im Mai 1890 auf dem II. Internationalen Ornithologischen Kongreß in Budapest gegen das Vogeltöten in Italien wandte. Seine Untersuchungen an Spechthöhlen führten 1898 zur ersten maschinellen Fertigung der bekannten ,,Berlepschen Nisthöhlen".
"Alle meine zum Schutze unserer Vögel angewandten und empfohlenen Maßnahmen sind lediglich die Kopie der Natur, die Nachbildung gewisser mir in der Natur entgegen getretener Momente." (v. Berlepsch, 1922)
Natürliche Spechthöhle und davon abgeleitete Berlepsche Nisthöhle. Die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen im praktischen Vogelschutz legte v. Berlepsch 1899 in seinem Buch: "Der gesamte Vogelschutz - seine Begründung und Ausführung auf wissenschaftlich, natürlicher Grundlage" nieder. Dieses Werk wurde in 6 Sprachen übersetzt, erlebte 12 Auflagen und machte die Seebacher Vogelschutzstation weithin bekannt.
Im Jahr 1908 erfolgte die Anerkennung als erste Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz durch die preußische Regierung. Dieses Datum gilt als die Geburtsstunde der ältesten staatlich autorisierten Vogelschutzwarte Deutschlands. In den folgenden Jahren fanden in Seebach zahlreiche Lehrgänge für Vogelschutz statt. Für seine Verdienste auf dem Gebiet der Ornithologie verlieh die Universität Halle-Wittenberg Hans Freiherr v. Berlepsch 1923 die Ehrendoktorwürde.
Im 02.09.1933 verstarb der Nestor des Vogelschutzes. Grabstätte und Vogeltränke auf dem Seebacher Kirch-Friedhof.)
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Im Jahre 1886 machte ich eine achtmonatige Reise - Februar bis Oktober --nach Südamerika. Diese Reise war lange vorbereitet. Schon als Sekundaner legte ich mir den Weg zurecht, der mich durch eine noch völlige Terra incognita führen sollte. Die Bekanntschaft mit Dr. VON DEN STEINEN nach seiner bekannten Forschungsreise am oberen Xingu ließ mich dann meinen Weg nur mehr südlich legen, durch das noch völlig unbekannte östliche Paraguay und die hinteren westlichen Teile der dort anstoßenden südlichen Provinzen von Brasilien. Den vor der Heimreise geplanten Abstecher nach der Mündung des Amazonas mußte ich aufgeben, indem ich zur Durchquerung des Urwaldgürtels anstatt der angenommenen 4 bis 5 Wochen über 3 Monate gebrauchte.
Als letzte Vorbereitung für diese Reise wurde Spanisch gelernt, das rasche Abbalgen erneut geübt und die zoologischen, speziell ornithologischen BURMEISTER'schen Werke studiert. Diese nahm ich auch in meinem beschränkten Reisegepäck mit, und Professor BURMEISTER gab mir in Buenos Ayres noch persönlich in liebenswürdigster Weise eingehende Belehrung. Glücklicherweise fand ich noch in 12. Stunde in Hauptmann GEISEL einen Reisegefährten. Uns führte weniger Freundschaft, als gemeinsame Interessen zusammen, und konnten wir unsere bescheidenen Kenntnisse in günstiger Weise gegenseitig ergänzen. GEISEL war leidlicher Botaniker und speziell recht guter Anthropologe. Alle oft wirklich nicht geringen Beschwerden und Fährlichkeiten hat er treulich mit mir geteilt.
Diese Reise galt vornehmlich ornithologischen Studien, und trat mir in diesen tropischen und subtropischen Zonen auf Tritt und Schritt Interessantes und Neues entgegen. Zu einer allgemeinen Reisebeschreibung, oder auch nur zu einer umfassenden Schilderung meiner Durchquerung des Urwaldes fehlt mir hier im Felde die Zeit, auch würde dies den begrenzten Rahmen der Arbeit welt übersteigen. Ich werde deshalb nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus sprechen, und in folgendem dessen kurz Erwähnung tun, was während jener Zeit auf meine ornithologische, und speziell spätere vogelschützerische Tätigkeit befruchtend und klärend gewirkt hat. Dies waren vornehmlich drei Beobachtungen.
Ehe ich das Urwaldgebiet wieder verließ, war es Spätherbst und Winter - Mai, Juni, Juli - geworden. Trotzdem zogen allabendlich ungeheure Schwärme Amazonenpapageien - Amazona festiva L. und Amazona dufresnei Sw., - auch kleinere Flüge der dortigen drei Ara-Arten --Ara chloropterus GRAY, Ara ararauna L. und Anodorhynchus leari Bp. - ihren Brutplätzen wieder zu, und nächtigten in ihren alten Nisthöhlen. Eingehende Beobachtungen kurz vor der Nacht - allmähliches Dunkel - werden gibt es unter diesen Breitengraden bekanntlich nicht - und am frühen Morgen belehrten mich außerdem, daß nicht nur ein oder zwei, sondern oft vier bis fünf Vögel in einer Höhle nächtigten.
Dies brachte mich auf den Gedanken, ob es in unseren Breiten nicht vielleicht ebenso sei. Meine späteren Beobachtungen haben dies bestätigt. Auch hierzulande, also wohl auf der ganzen Erde, kehren alle Höhlenbrüter, jedenfalls soweit sie Standvögel sind, auch außerhalb der Brutzeit jeden Abend in die Nisthöhlen zurück. Teilweise Ausnahmen machen nur die, welche, wie z. B. die Stare in großen Schwärmen im Röhricht, Efeu oder ähnlichen Deckungen Unterschlupf suchen. Hier in unseren Breiten finden sie so auch Schutz gegen Kälte. Auch schlafen wie dort, so auch hier mehrfach mehrere Vögel zusammen in einer Höhle. Zu Anfang des Winters, ehe im Kampf
ums Dasein ihre Reihen wieder gelichtet sind, findet man die Höhlen oft förmlich von Vögeln vollgestopft. Allein in einer kleinen Meisenhöhle wurden schon bis neun Meisen, drei Kohl- und sechs Sumpfmeisen vorgefunden.
Diese Feststellung hat auf dem Gebiet des Vogelschutzes eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Wandlung gezeitigt. Nahm man doch früher die Nistkästen, um sie länger zu konservieren, nach der Brutperiode vielfach ab, und brachte sie erst im nächsten Jahre, nach Eintritt guten Wetters, wieder an ihre Plätze. Ich entsinne mich noch, wie spekulative Nistkästenfabrikanten ihre Ware gerade dadurch besonders anzupreisen suchten, daß sie an ihren Kästen Vorkehrungen getroffen hätten, solches leicht bewerkstelligen zu können.
Jetzt wissen wir, daß die Höhlenbrüter die Nisthöhlen im Winter ebenso benötigen wie zur Brutzeit, und daß somit jener Vogelschutz geradezu eine systematische Vernichtung der Vögel war.
Die zweite Beobachtung jener Reise ist den Freibrütern zugute gekommen. DieMaßnahmen, wie wir sie jetzt so erfolgreich zu deren Schutz in Anwendung bringen, sind gleichfalls das Ergebnis jener Reise. Sie gründen sich auf eingehende Beobachtungen der in der noch unberührten jungfräulichen Natur gewählten Nistplätze.
Der tiefe dunkle Urwald ist tot, wie das Waldinnere auch bei uns. Ja, es wird unglaublich klingen, daß ich in meinem Tagebuch sieben aufeinanderfolgende Tage verzeichnet habe, während deren ich irgend ein lebendes Tier, Amphibien und Schlangen inbegriffen, überhaupt weder sah noc h hörte. Die feuchte, fieberschwangere Atmosphäre würde in kürzerer oder längerer Zeit jedes höhere Lebewesen töten. Nur gewisse Insektenarten gedeihen hier and wurden uns gerade während jener Tage zur höllischen Pein. Nur an den Ausläufern der Wälder, an den Flußläufen oder sonstigen lichteren Stellen findet sich das in unserer Phantasie gebildete Urwaldleben.
Besonders reich ist hier die Vogelwelt. Hier treffen wir die verschiedensten Sing-, Sumpf-, Kletter-, Raubvögel, alles bunt durcheinander. Hier ziehen, mich lebhaft an unsere winterlichen Krähenschwärme erinnernd, nach Tausenden zählende Flüge der bereits erwähnten Papageienarten, sich schon auf mehrere Kilometer Entfernung durch ihr Geschrei verratend. Hier sitzen träge Geier, hier fliegen behende Falken. Dort hüpft ein merkwürdig gelber Gegenstand, scheinbar eine lange Gurke, in dem Dunkel der Baumkrone herum, bis wir gewahr werden, daß dies ja nur der Schnabel des dazugehörigen Pfefferfressers ist. Enorme Massen kleiner Insektenfresser befliegen die hohlen Bäume, oder andere besonders reiche Nahrungsquellen, und werden gleichzeitig wieder in Massen von den sich um sie sammelnden Raubvögeln genommen. Unbehindert und unverargt. Nützlich and schädlich hat die menschliche Brille hier noch nicht gesichtet.
Diese Gelände waren denn auch die Dorados der Beobachtungen, and hier war es auch, wo ich in dem reichlichen Unterholz, vornehmlich aus einer langnadligen Dornart bestehend, unzählige Nester fand.
Es war mir aber auffallend, daß der Nesterreichtum bei annähernd gleicher Art und Menge des Unterholzes, wie auch annähernd gleicher Beschattung sehr wechselnd war. An manchen Stellen fehlten Nester fast gänzlich, während sie anderwärts so dicht standen, daß die Gehölze von weitem wie mit dichtem Moose überzogen erschienen. Bei wiederholter Beobachtung fand ich die Erklärung dafür.
Die Büsche werden zu den begehrten Nestträgern, abgesehen von dem Uber-and Durchwuchern der Schlinggewächse, erst durch nachstehenden eigenartigen Vorgang. In dem feuchten Klima der Urwälder geht das Werden and Vergehen sehr rasch vor sich. Vielfach sind die Baumstämme unten schon verfallen, während oben Zweige and Holzklötze noch in Massen in den Schlinggewächsen hängen bleiben. Durch Wind, abstreichende Vögel und andere Ursachen fallen diese Stücke dann allmählich herab - das war für uns übrigens gar nicht ohne Gefahr. Mein Begleiter GEISEL, entging einmal nur mit genauer Not dem Tode -, und schlagen das darunterstehende Gesträuch entzwei. Unterhalb der so entstandenen Bruchstellen treiben dann die schlafenden Augen und bilden quirlförmige Verästelungen, und hauptsächlich hierauf standen die unzähligen Nester.
Ich sah also, daß es weniger auf den Stand und die Art der Büsche ankam, als vielmehr auf ihre Beschaffenheit. Je mehr sie durch vorstehend geschilderten Vorgang deformiert waren, desto mehr Nester standen darin.
Jetzt entsann ich mich auch, daß mir Ähnliches schon auf einer früheren Reise in Afrika, am Südabhang des Atlasgebirges entgegengetreten war. Damals hatte ich mir aber weiter keine Rechenschaft darüber gegeben.
Diesen Wahrnehmungen verdanken die jetzigen Vogelschutzgehölze nun lediglich ihre Entstehung. Ich versuche auf künstlichem Wege in relativ kurzer Zeit das gleiche zu erzeugen, was ich hier im Laufe langer Zeitepochen von selbst entstanden fand.
Man versteht also jetzt unter Vogelschutzgehölz eine aus bestimmten Holzarten zusammengesetzte Pflanzung, in der durch entsprechende Pflege, besonders Schnitt, die gleichen guten Nistgelegenheiten geschaffen werden, wie sich solche einstmals von selbst bildeten und in den Urwäldern auch jetzt noch zu finden sind.
Eine dritte Beobachtung hat mich zu den Grundsätzen der Winterfütterung geführt. Dies waren jene schon erwähnten hohlen Bäume, oft von enormen Dimensionen, sowie auch andere mehr oder weniger geschützte Nahrungsquellen. Letztere wurden durch übereinandergefallene und allseitig von Schlinggewächsen, Moos, Farren usw. überwucherte Baumstümpfe und abgebrochene Baumkronen gebildet. In den faulen und morschen Wänden dieser Gebilde finden die Vögel einen ewig gedeckten Tisch, und was das wesentlichste ist, mehr oder weniger wettersicheren Unterschlupf.
Dort ist solches ja zwar bedeutungslos, wie anders aber, als sich solche Gebilde dereinst auch bei uns gefunden haben. Und so hat die Erinnerung an jene Vorratskammern des Urwaldes mich später auf den Gedanken gebracht, solche auch wieder bei uns zu schaffen, und mich so die oberste Bedingung für jede Winterfütterung gelehrt: Wettersicherheit.
Dies die Beobachtungen, die ich von jener Reise hier mitteilen wollte, und man wird mir gewiß beistimmen, daß sie in hohem Maße befruchtend und klärend gewesen sind. Hinsichtlich des Schutzes unserer Vögel wohl mit die wichtigsten Stellen, die ich im Buche der Natur gelesen habe.
Ende
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