Meine Zucht mit dem Hyazinth-Ara


von Gerd Volkemer


In "Gefiederte Welt" (Ausgabe 1/85, S. 8-9) erschienen


Hyazinth-Aras die größten Papageien der Erde, gehören auch zu den interessantesten. Ihre Größe und ihre Gefiederfärbung machen sie schon eindrucksvoll, aber fur den Kenner von Papageien sind ihr Charakter und ihr Verhalten noch ungewöhnlicher, verschieden von dem aller anderen Ara-Arten. In Menschenhand kann jeder Hyazinth-Ara dem Pfleger gegenüber bis zu einem gewissen Grade zahm werden, das hängt von jedem Vogel und den Verhältnissen ab, unter denen er gehalten wird. Wenn einer diesen Vertrautheitsgrad erreicht hat, ist er stets zu einer Unterhaltung geneigt und er beantwortet die Worte des Pflegers mit seinen eigenen Lauten und Verhaltensweisen. Eln Vogel kann versuchen, ihn durch Aufstellen seiner Scheitelfedem oder Beißen in einen Zweig zu beeindrucken, oder er greift ihn an, um in der nächste Sekunde fortzulaufen. Er kann auch im Zwiespalt darüber sein, ob er eine angebotene Erdnuß ergreifen soll oder nicht - dies zeigt sich daran, dal3 er von einem Fuß auf den anderen tritt. Es kommt auch vor, daß zwei Vögel sich an die Schnäbel fassen, dem Pfleger zunicken oder ihre Schwänze übereinanderlegen, wie zur Begattung. Dabei stoßen sie ständig wirbelnde Rufe aus.

Die Art ist ja schon so oft beschrieben worden, daß ich hier auf eine weitere Kennzeichnung verzichten kann. Dagegen möchte ich einige persönliche Erfahrungen mit ihnen und Beobachtungen mitteilen: ich konnte keinen Geschlechtsunterschied feststellen. Meine Annahme, daß der gelbe Augenring beim Männchen mehr orangefarben, beim Weibchen eher zitronengelb ist, entsprach nicht den Tatsachen. Die so oft erwähnten Unterschiede dar Geschlechter nach Größe, Kopf und Schnabelform konnte ich an meinen Vögeln nicht feststellen.

Im Jahre 1977 kaufte ich bei einem Händler ein vermeintliches Paar, doch starb bald einer der Vögel. Mir verblieb daher nur einer. und ich glaubte, es sei ein Männchen. Glücklicherweise gelang es mir 1981, mlt freundlicher Erlauhnis brasilianischer Behörden, einige Hyazinth-Aras fur Forschungs- und Zuchtzwecke einzuführen. Unter ihnen war nur ein Altvogel, und ich beschloß, meinen übriggebliebenen Vogel zu der neuen Gruppe zu setzen. Zwischen ihm und dem neuen Altvoge! zeigte sich bald eine deutliche Zuneigung.

So wurden diese beiden Vögel von den anderen getrennt und in eine eigene Voliere gesetzt. Sie hatte ein offenes Abteil von 4 m Länge, 2 m Höhe und 1,50 m Tiefe mit einem geschlossenen Abteil von 1,75 m Länge, 2 m Höhe und 1,50 m Tiefe, Die Temperatur wurde während des Winters immer etwas über 0 ºC gehalten. Offenbar sind Hyazinth-Aras kühler Witterung gegenüber wenig empfindlrch.

Die Nisthöhle wurde aus Weichholz hergestellt, war 1 m hoch und 50 x 50 cm groß mit einer Öffnung von 20 cm Durchmesser. Ich brachte Blechverkleidungen an allen Ecken an, um die Vögel daran zu hindern, die Nisthöhle zu zerstören. Dazu befestigte ich Eichenzweige um die Eingangsöffnung, um dem Ganzen ein naturliches Aussehen zu geben und den Vögeln die Möglichkeit, auf Holz zu beißen, wo das nicht viel schaden konnte- Dann bedeckte ich den Boden der Nisthöhle mit vermoderndem Holz.

Als Futter gab ich vielerlei Früchte. trockene Rinder- und Kalbsknochen, eine Mischung von Mais, Hafer, Weizen, Hanf und kleinen Sämereien wie Sonnenblumenkeme und Erdnüsse. Dazu gab ich noch Futterkalk mrt Mineralien und kleine Stücke Muschelschalen. Ins Wasser erhielten die Vögel alle 4 Wochen 5 Tage lang eine Multivitamin-Kombination. Gern nahmen sie auch kleine Steine auf, die 1-4 cm groß waren, wohl zur Verdauung.

Ende Mai 1982 ließ das Paar erkennen, daß es kurz vor der Kopulation stand, das Weibchen suchte oft den Nistkasten auf. Jetzt zeigte es sich, daß mein alter Vogel ein Weibchen gewesen war und nicht ein Männchen, wie ich gedacht hatte. Sobald sich nun ein Mensch der Voliere näherte, verteidigten die Vögel den Nistkasten, obwohl noch kein Ei gelegt war. Das Weibchen verschwand in der Nisthöhle, schaute dann mit dem Kopf heraus, biß an den Eichenästen herum, während das Männchen daneben saß und mich mit Imponiergehabe androhte. Mitunter saßen beide Vögel auf einem Zweig, hielten sich an den Schnäbeln - das Weibchen zeigte sich dabei aktiver - und nickten in dieser Haltung, wobei sie den bekannten wirbelnden Ruf hören ließen. Als sie dann einmal dicht nebeneinander saßen. kam es zur Begattung. Dabei waren die Schwänze übereinander gekreuzt, das Männchen setzte einen Fuß auf den Rücken des Weibchens und dann preßten sie ihre Kloaken aneinander.

Das Weibchen brütete allein, aber beide Vöge! verteidigten die Nisthöhle weiterhin So intensrv, daß es sehr schwierig war, eine Kontrolle vorzunehmen. Einmal sah ich 2 weiße Eier in der Höhle, doch 14 Tage später waren sie verschwunden. Das Verhalten der Vögel blieb weiter aggressiv, und am 2. Juni schon fand ich erneut 2 weiße Eier, die 5,0 x 3,5 cm maßen und jedes 20g wog. Nach 30 Tagen Bebrütung schlüpfte ein Junges, doch kann ich genaue Brutdaten nicht angeben, weil die Vögel zu aggressiv waren und mich stets an der Kontrolle zu hindern suchten. Während der 1. Lebenswoche gab der Jungvogel einige weiche Laute von sich, später verhielt er sich ruhig, bis er die bekannten Schreie der Altvogel nachahmte, wenn diese sich erregten. Das Junge öffnete mit 14 Tagen die Augen.

. Zusätzlich zum oben beschriebenen Futter bot ich nun gekeimten Weizen und ebensolchen Hafer, Sonnenblumenkeme und Mais an, dazu auch unreife Maiskolben. Mit 3 Monaten verließ ein perfekt befiedertes Hyazinth-Baby die Nisthöhle, das fast so groß wie seine Eltern war. Der Hauptunterschied zu diesen war ein etwas hellerer gelber Augenring, und das Gefieder erschien düsterer.

Mit diesem Paar hatte ich danach noch weiter Erfolg mit zwei Jungen, und ein anderes Paar brachte 1983 noch ein Junges. Das macht mich zuversichtlich, einen Zuchtstamm Hyazinth-Aras autbauen zu können. Und das wird dazu beitragen, diese herrlichen Vögel auch im Freileben zu schützen und ihren Bestand zu erhalten.

Nachschrift: Weitere sensationelle Hyazinth-Ara-Zucht

Der vorstehende Bericht war gerade aus dem englischen Text übersetzt (er erschien als Kurzfassung im Avicult- Mag. 1/ 84, ohne Einzelheiten und Bilder) und für den Druck hergerichtet, da berichtete eine Frankfurter Tageszeitung (FRundsch. 10.10. 84) mit einem Bild von der erfolgreichen Zucht eines Hyazinth-Aras im Schaufenster und Laden des "Zoohaus City" in der BfG-Ladenstraße zu Frankfurt. Nach vergeblichen Versuchen in den Vorjahren war jetzt das Ara-Paar so an den Besuch von Menschen gewöhnt, daß ihm ihre Nähe nichts mehr ausmachte. Es Iegte 9 Eier, von denen eins ausfiel. Das Junge wurde eifrig gefüttert und ist bereits befiedert, mit besten Aussichten, groß zu werden. Das Bild zeigte das Weibchen mit dem ca. 14 Tage alten Jungen bei der Fütterung. Das ist wieder ein Beweis für die Möglichkeiten von Nachzuchten in Menschenhand, die man bisher kaum fur möglich gehalten hatte.

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