Werkzeuggebrauch bei Papageien Anodorhynchus hyacinthinus


von Karl Fr. Hohenstein


In Gefiederte Welt, Ausgabe 12/87 erschienen


Jeder, der schon einmal Hyazintharas futtermäßig eingewöhnen mußte, weiß darüber Bescheid, welche Nerven verschlissen werden, um die Tiere von ihrem Erst-Gefangenen-Futter, den Palmnußkernen, abzubringen zu einem hier üblichen Papageienfutter.

In Brasilien oder Paraguay, woher die mir bekannten Tiere in den letzten Jahren gekommen sind, erhielten diese ausschließlich Palmkernnüsse der Palme Acrocomia totai Mart. Diese Palmnüsse sind so auch in Asuncion auf dem Markt käuflich. Sie werden aus ihren starken Schalen herausgeschlagen und für Backwerk, auch zum Essen oder fur Seifegewinnung verwendet.

Diese Nüsse werden von den Hyazintharas außerordentlich gerne aufgenommen. Ich pflege zu sagen: Man kann sie mit diesen Nüssen korrumpieren, das heißt, man kann sie zu allerhand Zugeständnissen bringen, wenn man diese Nüsse entsprechend verabreicht, so zum Beispiel dazu, daß sie diese Nüsse aus der Hand nehmen, daß sie nicht in die Hand beißen, weil sie nach einiger Zeit wissen, daß in der Hand eine Nuß verborgen ist, so daß sie die Nuß fürsorglich aus der Hand herausholen und suchen.

In Schwierigkeiten kann man geraten, wenn man versucht, die Tiere von diesen Nüssen abzubringen, dadurch, daß man anderes, hier übliches Papageienfutter beifüttert und beimengt. Dieses wird absolut nicht beachtet, insbesondere also zum Beispiel Erdnüsse in Schale, Haselnüsse, Mandeln, Mais in Kolben und ähnliches, sogar Paranüsse oder Teile von Kokosnüssen.

Wenn dann der Vorrat von Palmnüssen zu Ende geht, ist man einer Verzweiflung nahe, da diese ja hier nicht zu beschaffen sind. Und doch gelingt es zum Schluß, die Tiere an ein hier übliches Futter zu bringen.

Ein Nachteil dieser Palmkerne ist, daß sie bei normaler Lagerung leicht schimmeln. Ich konnte dies nach Rücksprache mit einer Apotheke dadurch verhindern, daß ich die Palmnüsse in eine 4prozentige wäßrige Lösung (4g auf 1 litre Wasser) Nipagin (Acidum benzoicum) gegeben habe, sie darin einen halben Tag liegen und sie dann abtrocknen ließ. Die Nüsse sind dann um vieles haltbarer. Ich habe sie monatelang im trockenen Keller aufbewahren können.

Um den Tieren einen besonderen Gefallen zu tun, habe ich bei meinem letzten Besuch in Südamerika Palmnüsse der Palme Acrocomia totai gesammelt. Darüber hinaus habe ich mir eine frische Palmtraube verschafft und diese ebenfalls mit nach Hause gebracht. Die frischen Trauben haben den Nachteil, daß sie sehr schwer sind. Außerdem trocknet die äußere Schicht sehr leicht ein. Unabhängig davon werden sie von den Papageien liebend gern angenommen. Die Tiere können sich sehr lange damit beschäftigen, indem sie zunächst die äußeren Schalen abschälen und wegfallen lassen. Der Effekt, den ich mir vorstellte, nämlich, daß die Tiere Vitamine und ähnliches aus den äußeren Schalen erlangen konnten, hat sich nicht bewahrheitet, da diese Schalen sehr schnell abtrocknen. Auch diese frischen Palmfrüchte habe ich mit Nipagin behandelt.

Wie ich schon sagte, habe ich auch Palmsamen, also Kerne mit einer dicken Schale herum, die schon einige Zeit auf dem Boden lagen, teilweise auch schon von Kühen gefressen wurden und durch den Magen der Kühe gegangen sind, gesammelt. Dabei muß man aufpassen, daß man nicht solche erwischt, bei denen ein Käfer in die Blüte oder noch fleischige Frucht ein Ei gelegt hat, aus dem sich eine Made entwickelt, die sich zum Schluß langsam durch die harte Schale der Palme durchbohrt, und vorher aber, um sich zu ernähren, die Frucht auf- oder angefressen hat.

Auch diese Nüsse nehmen die Papageien sehr gerne auf. Sie sind, was psychologisch sicher sehr gut ist, sehr lange damit beschäftigt, die Schale zu knacken, und sie haben eine Möglichkeit, ihre Schnabel an der harten Schale zu erproben.

Die Maße dieser Palmnüsse, die also hartschalig sind, betragen durchschnittlich 18 bis 20,5 mm, Gewicht 4 g. Der Kern im Inneren selbst ist ungefähr 12,5 bis 14,5 mm im Durchmesser, Gewicht 1,2 g. Die harte Schale hat einen Wanddurchmesser von 3,2 bis 3,8 mm. Frische Früchte mit Fruchtfleisch haben einen Durchmesser von 31 bis 33 mm, Gewicht frisch 15 g, abgetrocknet 6g. Die Palmtraube ist 35 bis 50 cm lang bei einem Durchmesser von ungefähr 25 cm.

Die Tiere arbeiten, je nach Kenntnis des Angehens des Knackens, 5 bis 15 min an der Schale, bis sie ein rundes Loch angebracht haben, das sie laufend vergrößern. (Ich habe versucht, in einem üblichen,10 cm Backenweite umfassenden Schraubstock eine solche Palmnuß zu zerknacken, was mir nicht gelungen ist.) Beim Knacken legen die Tiere die Nuß zwischen Ober- und Unterschnabel. Bei dieser Gelegenheit konnte ich bei verschiedenen Tieren gleichzeitig beobachten, wie sie, um die Nuß besser festhalten zu können, sich aus dem Sitzast einen flachen Holzspan herausschalten, der zwischen 4 und 8 cm lang war. Diesen Span haben sämtliche Tiere oberhalb der Nuß zwischen Nuß und Oberschnabel gelegt, um die Nuß dort besser fixieren zu können. Als ich diese Maßnahme das erste Mal sah, war ich zugleich verblüfft und dachte, daß ein Papagei durch Zufall einen kleinen Span am Schnabel hätte. Ich konnte jedoch mehrfach und immer wieder erneut beobachten, daß zum Knacken speziell dieser harten Nüsse ein Span zwischen Oberschnabel und Nuß gelegt wird.

In der Zwischenzeit sind diese Späne, die ursprünglich von einem grünen Holz abgenommen worden sind, immer kleiner geworden. Die Tiere haben sich zum Teil mit so kleinen Spänen begnügt, die sie untergelegt haben, so daß diese nur beim Abnehmen vom Sitzast, nicht aber im Schnabel von der Seite gesehen werden konnten.

Dagegen änderten die Tiere prompt ihr Verhalten, als ihnen ein großer frischer Weidenstamm gegeben wurde. Von diesem haben sie sogar kleine Äste, ohne diese abzuzwicken, über der Nuß im Oberschnabel festgehalten.

Diesen Werkzeuggebrauch der Aras habe ich mehrfach im Beisein von Besuchern vorgeführt. Es ist dies ein Werkzeuggebrauch, der bei Tieren selten ist und als Zeichen von Überlegung angesehen werden kann.

Nachfrage

Der Herausgeber fragte den Autor, ob es sich bei den Aras vielleicht um ein Nachahmen von Vögeln handelte, doch die Antwort schloß dies sicher aus. Sie folgt hier:

Die Handhabung bei den Hyazintharas, die in Innengehegen untergebracht sind, war spontan. Sie war in dem Moment festzustellen, als ich ihnen die Nüsse aus Paraguay mitgebracht hatte. Geprobt oder versucht wurde also nicht. Interessant ist, daß bei einem Dunkelroten Ara (Ara chloroptera) diese Verhaltensweise nicht auftrat. Er ist auch nicht in der Lage, die Nüsse zu knacken, spielt jedoch stundenlang damit. Es kann sich beim Verhalten der Hyazintharas nur um überkommene Handlungsweisen der Tiere aus der Natur handeln, die sie von früher gewohnt waren.

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