Im Palmitos-Park ziehen Hyazintharas Junge auf


von Rosemary Low (Übersetzung: Elizabeth Wenzke)


In Gefiederte Welt, Ausgabe 3/91 erschienen


Es fällt schwer kein Loblied auf den Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) zu singen, wenn man über ihn schreibt, aber warum sollte man es eigentlich nicht? Der Hyazinthara ist der größte und wahrscheinlich auch der stärkste Papagei. Er hat ein herrliches hyazinthblaues Gefieder, das zu der gelben Gesichtshaut kontrastiert, und einen prächtigen langen Schwanz (ohne den dieser Papagei seine Schönheit einbüßen würde).

Trotz der furchteinflößenden Kraft seines Schnabels (das Handgelenk eines Menschen könnte er mit der gleichen Leichtigkeit durchbeißen, mit der Sie oder ich ein Streichholz durchbrechen) kann er große Zuneigung und Zärtlichkeit zum Ausdruck bringen. Seine Persönlichkeit ist anders als die der Ara-Aras, da er von Natur aus unvorsichtig ist, was leider dazu geführt hat, daß der freilebende Bestand wesentlich zurückgegangen ist. Er ist immer zum Nahrungserwerb von Eingeborenen gefangen worden, aber in einem Ausmaß, das den Bestand nicht merklich verringert hat. In den vergangenen ca.15 Jahren sind jedoch so viele Vogel gefangen und in den internationalen Handel gebracht worden, daß Gebiete, in denen einmal Schwärme von Hunderten dieser Vögel beobachtet werden konnten, diese Art jetzt nicht mehr aufweisen. Sein Lebensraum wurde auf katastrophale Weise eingeengt, die Population wird auf nur 3000 geschätzt. Die Tatsache, daß er 1987 in Anlage I (Gefährdet) von CITES aufgenommen wurde, hat sich nicht sofort dahingehend ausgewirkt, daß der illegale Handel unterbunden wurde. Jetzt ist er jedoch nahezu eingestellt. Singapur zum Beispiel, ein im Vogelhandel weltweit führendes Land, ist jetzt CITES-Mitglied, so daß das Tor eines weiteren illegalen Versandhafens geschlossen ist.

Die Preise für Hyazintharas steigen bereits infolge des verringerten Angebotes. Es muß also aus dem falschen Grund größeres Gewicht auf die Zucht dieses Vogels gelegt werden. Der Mensch muß ihm gegenüber eine Schuld abtragen, und dies kann er nur, indem er große Zuchtbestande in Gefangenschaft hält, um sicherzustellen, daß der Bestand nie wieder durch illegalen Handel reduziert wird.

Jahr fur Jahr steigt die Zahl der Sammlungen, in denen dieser herrliche Ara mit Erfolg gezüchtet wird. 1989 wurde er erstmals im Palmitos-Park, Gran Canaria, Kanarische Inseln, gezüchtet.

Das Paar ist in einer Voliere mit ca. 3,8 m Lange, 2 m Breite und 2,10 m Hohe untergebracht. Die Vorderseite, das Dach und ein Teil jeder Seite bestehen aus geschweißten, ineinandergreifenden 10g Drahtgittern sehr guter Qualität (aus Belgien). Die Voliere steht in einem geschlossenen Bereich - doch ein Teil jeder Voliere erweckt den Eindruck, daß man sich im Freien befindet. Ein Teil jedes Daches besteht aus Glas mit Drahtgeflechteinlage und öffnet sich bei gutem Wetter automatisch. Die Brutstation liegt in den Bergen in einiger Entfernung oberhalb des Parks. Alle Vögel sind gegen hohe Temperaturen und starken Wind geschützt.

Diese Aravolieren haben große Nistkästen aus Beton die in die Rückseite eingebaut sind, so daß sie von außerhalb der Voliere leicht einsehbar sind. Ein Nistkasten mißt 48 x 65 x 95 cm. Fur die meisten Klimazonen werden Nistkästen aus Beton nicht empfohlen, aber auf den Kanarischen Inseln mit ihren sehr hohen Sommertemperaturen bewähren sie sich sehr.

Das Hyazintharapaar hatte schon vorher Eier gelegt - aber aus keinem Ei waren Junge geschlüpft. Im Juni 1989 legte das Weibchen nacheinander zwei Eier. Beide erwiesen sich als unbefruchtet. Am 26. Juli legte das Weibchen das erste Ei des zweiten Geleges; am 29. Juli waren zwei Eier in dem Nest. Nach ca. 20 Tagen waren die Eier stark verschmutzt, und getrockneter Abfall aus dem Nest (Holzspäne) klebte an der Schale. Ich sauberte die Eier nur mit warmem Wasser, legte ein Ei in einen Brutapparat (Schumacher, deutsches Fabrikat) und gab dem Weibchen statt dessen ein Hühnerei.

Am 21. August waren auf dem Ei in dem Brutapparat Pickmarken zu sehen. Ich legte es in das Nest der Hyazintharas und das andere Ei in den Brutapparat, um zu vermeiden, daß das Junge aus Unerfahrenheit getötet würde. Diese Sorge war jedoch unnötig. Am nächsten Tag, dem 22. August, schlüpfte aus dem ersten Ei ein Junges. Die Brutzeit betrug 27 Tage (in kühleren Klimazonen normalerweise 28 Tage). Zum Glück war das Nest sehr leicht einsehbar: das Weibchen verließ immer das Nest, sobald ich vorsichtig an die Tür klopfte. Am nächsten Tag wog das Junge 26g; es hatte schätzungsweise 3g Nahrung im Kropf. Ich bemerkte, daß seine Haut dunkelrosa war.

Um 12.30 Uhr an jenem Tag war die erste Pickmarke an dem zweiten Ei zu sehen. Am 24. August wurde das Ei wieder in das Nest gelegt. Am nächsten Tag um 8 Uhr morgens war das Junge geschlüpft. Es wog 25 g (der Kropf war leer). Die weggeworfene Eierschale wog 3 g.

Da es einfach war, die Jungen täglich zu wiegen und so ihr Wachstum zu überwachen, hatte ich keine Bedenken, sie bei ihren Eltern zu lassen. Ich hoffte, zwei Junge von den Eltern aufziehen und entwöhnen zu lassen. Die Jungen würden für Brutzwecke gehalten. Handaufgezogene Hyazintharas werden im allgemeinen sehr auf Menschen geprägt. Ich war der Ansicht, daß bei dieser Art von den Eltern aufgezogene Junge für Brutzwecke geeigneter seien.

Die Jungen entwickelten sich bei ihren Eltern vorzüglich: die Gewichtszunahmen sind auf der beiliegenden Tabelle verzeichnet. Die Eltern fraßen vor jedem anderen Futter frischen Mais vom Kolben, femer Tomaten, Apfelsinen, gekeimte Sonnenblumenkerne und Walnüsse. Sie zeigten kein Interesse an dem täglich frisch zubereiteten Aufzuchtfutter aus Ei, Vollkornbrot und Karotten oder an Scheiben Vollkornbrot, die von anderen Aras mit Vergnügen gefressen werden. Die Jungen wurden wahrscheinlich vor allem mit frischem Mais und gekeimten Sonnenblumenkernen aufgezogen. Als das kleine Junge erst sechs Tage alt war, stellte ich fest, daß sein Kropf mit harten Samen gefüllt war.

Als die Jungen 16 und 13 Tage alt waren, schien die Kante ihrer Unterkiefer weich und eingekerbt zu sein. Daher begann ich, ein flüssiges Kalziumpräparat in den Schnabe1 zu geben: Necthar-Cal-Suspension, die vor allem aus Kalziumphosphat, anderen kalziumhaltigen Substanzen, auch Vitamin D2 und Mandelmilch besteht. Im Lauf der nächsten beiden Wochen gab ich bei sechs Gelegenheiten zwischen 20 und 40 IUS. Die Jungen nahmen diese Suspension ohne weiteres aus einer kleinen Spritze an.

Zunächst hatten die Eltem die Handhabung ihrer Jungen zum Wiegen geduldet. Im Lauf der Zeit wurden die Eltern äußerst ungeduldig und wollten das Nest während dieses Vorganges betreten, obwohl der Vorgang nur wenige Sekunden dauerte. Sie wurden nicht gehindert, das Nest zu betreten, und blieben am Eingang zum Nest. Nach drei Wochen mußte eine zweite Person beim Wiegen helfen, um zu verhindem, daß die Eltern in das Nest eindrangen. Sobald die Tür zum Nistkasten geschlossen wurde, kamen sie eilig herein und schlugen aggressiv an die Tür.

Dies sollte ein Signal gewesen sein, daß die Jungen zur Handaufzucht weggenommen werden mußten; ebenso die Tatsache, daß die Eltern, als das große Junge 30 Tage alt war, begannen, an den am Scheitel austretenden Federn zu picken - oft ein Zeichen von Streß. Als die Jungen 33 und 30 Tage alt waren, erlitt das kleine Junge eine schwere Verletzung am Flugelbug. Infolge des Bisses entwickelte sich ein enormes Hämatom. Da ein Elternteil nicht in der Lage war, direkt gegen uns aggressiv zu werden, hatte es das arme Junge gebissen.

Die beiden Jungen wurden sofort zur Handaufzucht weggenommen. Der Flügel des Jungen wurde zweimal täglich mit Betadine-Salbe (Sarget) und einmal täglich mit Thrombocid-Creme (Lacer) behandelt. Das Junge erhielt auch dreimal täglich ein Drittel einer Varidasa-Tablette (Lederle), um den Heilungsvorgang zu unterstützen. Es hatte sich eine große Kruste gebildet, die wochenlang bestehenblieb.

Die Jungen entwickelten sich wie folgt: 17 Tage - Augen offen; die zweiten Dunen, die dunkelgrau waren, waren auf dem Rücken in Zeilen herausgekommen (als die Jungen 23 und 26 Tage alt waren, hatten die Eltern einige Dunen gerupft, und am nächsten Tag waren fast alle Dunen weg, auch von den Flügeln und dem Nacken); 30 Tage - die Federn auf dem Scheitel und den Flügeldecken begannen gerade herauszukommen, und die Schwanzfedern waren ca.1 cm lang (in diesem Stadium mußten die Flügel und der Körper ziemlich dick mit dunkelgrauen Dunen bedeckt sein).

Im Alter von 30 und 33 Tagen wurden die Jungen mit 18-mm-(Innenabmessung) Aluminiumringen beringt, die 8 mm breit und - dies ist die wichtige Abmessung - 3 mm stark waren. Dies ist die Mindeststärke, die fur diese Art gebraucht werden kann. Wahlweise kann man Ringe aus nichtrostendem Stahl, 16 mm, aber sehr schmal, verwenden.

Im Alter von 40 Tagen hatten alle Flügelfedern begonnen durchzubrechen, und die Stirn, die Gesichtsseite und der Flügelbug waren vollständig befiedert. Die Gesichtshaut war zu der Zeit sehr blaßgelb. Sie farbt sich fast unbemerkbar über lange Zeit, aber der Zungenfleck war im Alter von acht Monaten noch sehr blaß, nachdem er vorher weiß gewesen war.

Im Alter von sieben Wochen wurden sie sehr stimmlich laut, besonders das kleine Junge. Es wurde angenommen, daß es ein weiblicher Vogel sei, weil er, als er einen Monat älter war, zutraulicher war. Wenn dieses Junge auf den Boden gesetzt wurde, kam es zu mir, um sich von mir über den Kopf streichen zu lassen, während das andere vorzog, in dem Stapel Zeitungen unter den Käfigen zu wühlen und an Zeitungspapier zu knabbern. Drei Wochen später kam aber auch dieses Junge zu mir, um sich über den Kopf streichen zu lassen.

Dies war einerseits ein Nachahmen des Putz-/Trostverhaltens der Eltern gegenüber den Jungen, hatte aber andererseits einen praktischen Zweck. Die Scheiden auf den sich öffnenden Federn sind bei Hyazintharas sehr hart, d.h.diejenigen auf dem Schwanz und die primären Flügelfedern. In diesem Stadium ist es ratsam, die Vogel leicht einzusprühen und vielleicht 1 cm vom Ende der Scheide jeder Feder zu entfemen, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Ich erinnerte mich, daß ich dies bei dem einzigen Hyazinthara, an dessen Aufzucht ich zuvor beteiligt war - im Loro Parque -, versäumt hatte. Infolgedessen blieben die Scheiden zu lange auf den größeren Federn, so daß das Gefieder sehr trocken wurde und sich Marken ergaben, die wie Streß-Marken aussahen (quer über die Federn verlaufende waagerechte Linien). Ich möchte jedoch betonen, daß man den richtigen Zeitpunkt kennen muß, an dem die Enden dieser Scheiden vorsichtig abgebrochen werden sollen; andernfalls könnten Brüche und Blutungen auftreten.

Ich habe diese Notwendigkeit bei keiner anderen Papageienart festgestellt.

Im Alter von 67 und 70 Tagen wurden die jungen Hyazintharas aus einem Käfig mit massiven Wänden in einen Ganzdrahtkäfig umgesetzt. 26 Tage danach begannen sie, an den Seiten hochzuklettern; sie wurden in einen hohen Ganzdrahtkäfig umgesetzt. Ich habe festgestellt, daß derartige Käfige für große Aras im Entwöhnungsstadium sehr geeignet sind.

In diesem Stadium waren sie nicht vollständig befiedert; die Federn der Unterseite brachen noch durch. Die das Auge umgebende Haut und der Schnabel waren blaßgelb, und die Haut auf dem Scheitel war schwach gelb. Bis zum Alter von 11 Wochen zeigten sie Interesse an Nahrung, kauten an Vollkornbrotscheiben und Kolbenhirse und leckten an Apfelsinenhälften. Nicht lange Zeit danach fraßen sie Apfelsinen und knabberten an Stücken frischem Mais und Walnüssen. In diesem Stadium wurden sie noch vierma1 täglich gefüttert und nahmen bei jeder Fütterung 90-100g auf. Das Futter bestand aus ungefähr einem Viertel Papaya oder Bananen, die mit Wasser aus Flaschen vermischt waren, und Nogalda Baby-Zerealien (dem spanischen Äquivalent von Milupa) mit einem Eiweißgehalt von ca. 13 %, und Weizenkeimzerealien (Eiweißgehalt 25 %,) zu gleichen Teilen. Die Futterbestandteile wurden von Hand mit Wasser zu einem Gemisch ziemlich dichter Konsistenz verarbeitet.

Die Jungen wurden, kurz bevor sie sechs Monate alt wurden, entwöhnt. Ihr Lieblingsfutter waren Walnüsse und Pecannüsse (nicht mehr als acht von jeder Sorte täglich - es wurden keine anderen Nüsse angeboten) sowie Bananen. Sie nahmen nur geringe Mengen anderer Nahrungsmittel zu sich, und dies ist noch im Alter von acht Monaten der Fall. Sie interessieren sich nicht für gekeimte Sonnenblumenkerne, fressen aber etwas Apfelsine, Apfel, frischen Mais, Vollkornbrot, Kohl, Mangold, Möhren und gekochten Mais, auch trockenes Hundefutter.

Abgesehen von einer Woche, während der ich in Großbritannien war, war ich als einzige für ihre Betreuung und Fiitterung verantwortlich, und die Vögel waren außerordentlich zutraulich und sensibel mir gegenüber. Ab einem Alter von viereinhalb Monaten ließen sie sich von keinem (außer mir) anfassen, und ab einem Alter von sechs Monaten verhielten sie sich etwas aggressiv gegenüber jedem, der versuchte, sie anzufassen.

Wie alle jungen Aras liebten sie es, auf dem Kopf und unter den Flügeln gekratzt zu werden. Manchmal warfen sie sich bei solchen vergnüglichen Spielen kopfüber in meine Arme. Sogar, wenn ich jetzt ihre Voliere betrete, verlangen sie diese Aufmerksamkeit - und ich meine "verlangen"! Das Männchen läßt mich nicht herausgehen, ehe es seinen Teil Zuneigung bekommen hat. Es geht einfach nicht von meinem Rücken herunter, und wenn ich unvorsichtig genug wäre, es mit Gewalt wegzusetzen, weiß ich, daß es seinen Unwillen mit seinem mächtigen Schnabel zum Ausdruck bringen würde.

Als die Jungen noch nicht ganz vier Monate alt waren, wurden sie tagsüber in eine große Voliere im Freien gesetzt, wo sie sich in Gesellschaft einer Reihe junger Blau-Gelbaras sowie eines erwachsenen Hyazintharaweibchens befanden. Sie brauchten Flugübungen. Ihre Tagesvoliere mußte jedoch nach einem Monat gewechselt werden, nachdem die Schwänze der beiden Jungen von einem anderen jungen Ara beschädigt worden waren. Das ist eine Gefahr, wenn mehrere junge Aras zusammen fliegen. Bis zum Alter von ungefähr sieben Monaten fraßen die jungen Hyazintharas nicht wirklich gut, während sie im Freien waren. Sie wurden jeweils am späten Nachmittag in den Handaufzuchtraum zurückgebracht. Dort konnten sie bis 22 Uhr fressen. Ich halte dies für wichtig, weil junge Aras auf dieser Entwicklungsstufe solche großen Mengen Futter brauchen.

Die Handaufzucht von Hyazintharas ist eine äußerst zeitaufwendige und anspruchsvolle Aufgabe. Im Alter von acht Monaten sind unsere beiden selbständig, was die Ernährung betrifft (obwohl ich sie morgens noch mit dem Löffel füttere, was nicht wirklich notwendig ist), aber emotional sind sie noch sehr von mir abhängig. Ich weiß, daß der Abbruch dieser emotionalen Abhängigkeit im Interesse der Vögel ganz allmählich erfolgen muß - das gilt für mich und auch für sie! Aber wie lohnend ist es, wenn diese riesigen Kleinkinder mit ihren großen klaren Augen und ihrem schmerzlichen Gesichtsausdruck auf meine Schulter fliegen und sich an meinen Hals anlehnen! Aber jetzt werden sie langsam erwachsen, und in ungefähr einem Jahr muß ich mich nach Partnern umsehen, mit denen sie nicht verwandt sind. Ich hoffe, daß ich in fünf oder sechs Jahren ihre Jungen aufziehen kann!

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