All diese Vögel waren über den Handel nach Europa gekommen. Die Herkunft des Meerblauen Aras und des Hyazintharas war ziemlich klar, wahrend es völlig rätselhaft blieb, woher der Lear-Ara kam. Man wüßte Iediglich, daß dieser äußerst ungewöhnliche Vogel von Zeit zu Zeit bei der einen oder anderen Schiffsladung mit blauen Papageien aus Brasilien auftauchte, mehr aber auch nicht.
Die Situation blieb auch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unverändert. Der Meerblaue Ara war in der Zwischenzeit ausgestorben, und man begann Brasilien zu erforschen. Für Außenstehende war es unbegreiflich, daß ein so großer, lauter und auffälliger Ara unauffindbar blieb. Nicht wenige Wissenschaftler vermuteten daher, daß es sich bei dieser Art lediglich um eine abweichende Form handeln mußte oder daß die Lear-Aras nur eine Kreuzung zwischen dem Meerblauen Ara und dem Hyazinthara waren.
Schon seit 1954 war der Ornithologe Helmut Sick auf der Suche nach diesem unbekannten blauen Vogel gewesen. Die 1965 veröffentlichte Kreuzungstheorie, an die er keine Sekunde lang glaubte, spornte ihn an, sich weiter mit der Lösung des Rätsels zu beschäftigen. Daß dies gelang und sein Name fur immer mit der Geschichte des Lear-Aras verbunden bleiben wird, ist seiner Hartnäckigkeit und seinem Forschungsdrang zu verdanken.
Der junge Helmut Sick studierte zusammen mit Erwin Stresemann Ornithologie, bevor er an das Berliner Museum kam. 1939 wurde er nach Brasilien gesandt, um nach dem Rotschnabelhokko (Crax blumenbachii) zu suchen, der als Laufvogel ausschließlich in den atlantischen Küstenwäldern des brasilianischen Staates Espiritu Santo vorkommt. Er sollte ursprünglich nur drei Monate dort verbringen, blieb aber wegen des beginnenden Zweiten Weltkrieges dort hängen. Nach fünf Jahren hatte er eine solche Liebe zu Brasilien mit seiner mannigfaltigen Pflanzenwelt und seinen 1600 Vogelarten entwickelt, daß er Südamerika nicht mehr verlassen wollte. Er blieb fur immer dort.
Als Naturwissenschaftler nahm er an der ersten ExPedition durch Zentral-Brasilien teil. Über das Roncador-Xingu-Tapajos-Flußsystem wurde das Land von Amazonia bis zum Cerrado erforscht. Es war eine abenteuerliche Reise, vom tiefen, sumpfigen Dschungel bis zu den bewaldeten Savannen des Hochplateaus vorzustoßen. Später führte Helmut Sick noch weitere Expeditionen durch. In jenen Zeiten gab es noch zahlreiche freilebende Arten, und jedesmal waren seine Forschungsreisen ein Erfolg. Von den blauen Aras war vor allem der Hyazinthara oft anzutreffen.
Immer aber verfolgte Helmut Sick dabei auch die Spuren des Lear-Aras. Nach 1950 intensivierte er seine Suche, nachdem er von einem bekannten brasilianischen Ornithologen erfahren hatte, daß dieser in einer Fazenda, einem der für Brasilien typischen Bauernhöfe, des Staates Pernambucco einen Lear-Ara gesichtet habe, der als Haustier gehalten wurde. Es stellte sich heraus, daß dieser Vogel allem Anschein nach in Bahia gekauft worden war. Weitere Informationen wurden zusammengetragen und ausgewertet. So war ein Vogelhalter aus Teresopolis im Besitz eines Vogels, von dem er behauptete, daß er aus der Rio-Negro-Region in Amazonia stammte, und in Joazeiro, einer Grenzstadt zwischen den Staaten Piaui und Bahia, wurden manchmal .,schwarze Aras" zum Kauf angeboten, die aus dem Norden oder dem Süden kamen. Dies alles waren Hinweise, die wahre Herkunft des Lear-Aras blieb jedoch weiterhin ungeklärt. Bei allen Forschungen stellte sich auch immer wieder heraus, daß es regelmäßig zu Verwechslungen mit den Hyazintharas und sogar den Spix-Aras (Cyanopsitta spixii) kam.
Professor Sick entschloß sich, das riesige Gebiet im Nordosten Brasiliens zu erforschen. Bis dahin war es nur ein großer "weißer Fleck" auf der Landkarte der Ornithologen gewesen, denn niemand zuvor hatte dort die Vogelwelt untersucht. Diese Gegend ist sehr arm und unterscheidet sich sehr von dem Bild, das man im allgemeinen von Brasilien hat. Nur wenige Straßen oder Wege führen durch das trockene Land, das mit einer niedrigen, buschigen und dornigen Vegetation wenig gastlich ist. Bäume wachsen nur in trockenen Flußbetten. Es kommt vor, daß es monate oder sogar jahrelang nicht regnet. Die Bevölkerung spricht portugiesisch und hatte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Bürgerkriegen, Revolutionen und umherziehenden Straßenräubern gelitten. Daruber hinaus herrschte im "Sertao", wie das Gebiet auch genannt wird, ständige Hungersnot.
Fünf Expeditionen unter der Leitung von Professor Sick galten der Erforschung der Standorte, an denen blaue Aras gesichtet worden waren. An einigen Stellen traf er auf Hyazintharas, die in Felshöhlen zwischen Klippen nisteten. Die letzte Forschungsreise während des Sommers 1978 - 1979 brachte die spärlichsten Ergebnisse. Die warme trockene Jahreszeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. In der erdrückenden Hitze ohne Wasser ware die Expedition fast im Sand stecken geblieben, als am 29. Dezember ein einheimischer Jäger einige Federn anbot, die zweifellos von einem Lear-Ara stammen mußten. Die unverkennbare blaue Farbe dieser Federn war der erste zuverlässige Beweis dafür, daß diese Art noch in Freiheit und in diesem Teil Brasiliens vorkommt. Der Einheimische gab an, daß er den Vogel erst vor einigen Wochen getötet habe, um ihn zu essen. In Brasilien ist es nicht ungewöhnlich, daß die Einheimischen die Aras ihres Fleisches wegen jagen. Diese Entdeckung gab den Expeditionsteilnehmern die Kraft, intensiv weiterzusuchen. Am 31. Dezember wurden sie endlich durch den Anblick einiger Lear-Aras im Flug belohnt. Zum ersten Mal begegneten Ornithologen dem Lear-Ara in Freiheit, der Standort dieses seltenen Vogels war entdeckt. Nach über 120 Jahren hatte das Rätseln um die Herkunft des Lear-Aras ein Ende!
Entgegen allem, was oft gesagt oder geschrieben worden ist, handelte es sich dabei nicht um eine "Wiederentdeckung", sondern um die wahre "Entdeckung" des Lear-Aras. Für den Wissenschaftler Sick war die Entdeckung aber auch mit einem inneren Kampf verbunden, denn er konnte den Beweis fur die Existenz des Lear-Aras nur erbringen, wenn er einen Voge1 tötete. Eine Tat, die für den Wissenschaftler in ihm zwar verständlich war; die jedoch der Naturschützer und der Mensch Helmut Sick, der eine tiefe Erfurcht vor allem Leben hatte, zutiefst mißbilligte. Mindestens genauso schwierig und mit Gewissensbissen verbunden war, daß er den Standort der Vogel veröffentlichen mußte und ihn damit auch Wilddieben und skrupellosen Händlern preisgab.
Insgesamt konnte die Expedition nur weniger als zehn Vogel sichten. Dem Wissenschaftler war klar, daß es, wenn es nicht schon zu spät war, höchste Zeit war, die Brutkolonie ausfindig zu machen und sie schnellstmöglich unter den Schutz der Behörden im "Reserva do Raso da Catarina" zu stellen.
Der gegenwärtige Bestand wird auf etwa 60 Lear-Aras geschätzt. Die Vogel leben in zwei Kolonien. Sie bewohnen große Steilwände aus Sandstein, in denen sie vor Raubtieren geschützt die Nacht verbringen. Sie verlassen die Klippen im Morgengrauen. In der Abenddämmerung ziehen sie sich wieder hierher zurück. Ihr heiseres Rufen hallt zwischen den Felsen wider. Sie ernähren sich hauptsächlich von den kleinen Nüssen der Licuri-Palme (Syagrus coronata). Man geht davon aus, daß zur Deckung des Nahrungsbedarfs eines Vogels 450 früchtetragende Palmen notwendig sind. Daneben nehmen Lear-Aras aber auch zahlreiche Früchte anderer Bäume und Sträucher zu sich.
Es ist anzunehmen, daß das Verbreitungsgebiet ursprünglich weiter ausgedehnt war. Darauf weisen Aussagen hin, daß sich ihr Vorkommen vor noch vierzig Jahren auch auf die andere Seite des Rio Sao Francisco in Pernambuco erstreckte. Man weiß noch nicht, warum die Aras nicht in anderen Gebieten, in denen die Licuri-Palm ebenfalls wächst, zu finden sind. Das riesige Vorkommensgebiet dieser Palme reicht von den Nordost-Staaten bis hinunter nach Minas Gerais. Obwohl Abholzungen im großen Sti1 stattfanden, blieben die Palmen auf den Weiden stehen, wo sie dem Vieh als Schattenspender dienen. Vielerorts ernähren sich auch die Menschen von den Früchten dieser Palmen. Für die Lear-Aras jedenfalls scheint ausreichend Nahrung vorhanden zu sein. Vielleicht fehlt es aber an geeigneten Nistgelegenheiten, obwohl auch die Felsklippen nicht so selten sind.
Die Jagd auf den Ara stellte ebenfalls eine Bedrohung für den Bestand dar. Seit jedoch der Lear-Ara zu einem Nationalvogel erklärt wurde, fangen die Einheimischen an, stolz auf ihn zu sein, und sie sind sich heute seiner Seltenheit bewußt.
Leider sind die Bestandszahlen bis jetzt nicht angestiegen. Schlimmer noch: Genetische Schaden führten als Folge von Inzucht bei einigen Vogeln bereits zu Verkrummungen an Schnabeln und Schwanzen.
In Gefangenschaft werden weltweit immerhin etwa 15 Lear-Aras gehalten. Die meisten sind jedoch sehr alt, und die Gefangenschaftszucht war bislang nicht sehr erfolgreich. Deshalb ist die Erhaltung des freilebenden Bestandes von äußerster Wichtigkeit, ein Ziel, das vor allem Professor Helmut Sick anstrebte. Zu seinen herausragenden Leistungen zählt das zweibändige Werk "Ornitologia Brasileira", das umfassend die Vogelwelt Brasiliens beschreibt. Die englische Fassung dieses ausgezeichneten Buches war gerade fur den Druck fertiggestellt, als Professor Sick 1991 überraschend verstarb. Sein Name wird der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Es hatte ihm jedoch ohne Zweifel noch mehr bedeutet, zu wissen, daß der Vogel, dem er die meiste Zeit seinen Lebens widmete, in Freiheit in den großen Weiten Nordost-Brasiliens überleben kann.
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