" Wieder einmal erhielt ich von meinem alten Studienfreund, der kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges nach Brasilien ging und dann dort geblieben ist, heute ein hochangesehenes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Professor der Universität Rio und des dortigen Naturkundenmuseums, eine Aufsehen erregende Mitteilung. Nach vielen einzigartigen Entdeckungen in der Vogelwelt seiner jetzigen Heimat gelang es ihm, die bisher völlig rätselhafte Herkunft von Lear's Ara zu entdecken und dies unter Aufbietung letzter Kräfte mit doppeltem Leistenbruch und anderen körperlichen Beschwerden in seinem 69. Lebensjahr. Er berichtet darüber in einem persönlichen gehaltenen Rundbrief an seine Familie, dessen Abdruck er mir für unsere Leser erlaubte, nachdem die erste Nachricht von seinem Fund in der französischen Zeitschrift ALAUDA 1979/1 von seinem Freund und Weggenossen Jacques Vielliard erschienen ist. Bei allem Persönlichen dieses Berichtes hatte ich die Tatsachen der geschilderten Entdeckung für so wichtig und wissenschaftlich bedeutsam, daß ich dem Autor dankbar bin für seine Erlaubnis.
Bei J.M.Forshaw/W.Cooper, Parrots of the World, 2. Auflage, ist über Lear's Ara verzeichnete Verbreitung unbekannt, aber wohl im NO-Brasilien, in den Staaten Pernambuco und Bahia. Allgemeine Angaben: Lear's Ara ist ein mysteriöser Vogel, der nur von Stücken aus der Gefangenschaft bekannt ist. Voous (1969) meinte, daß er evtl. ein Mischling zwischen Anodorhynchus hyacinthinus und A.glaucus wäre, aber diese Ansicht kann ich nicht teilen. Nach meiner Meinung ist leari nahe mit glaucus verwandt und sie können wohl Isolate einer Art sein, aber beide sind deutlich von hyacinthinus verschieden. A.hyacinthinus ist eine größerer Vogel mit einem einzigartigen Fleck nackter Haut um die Basis des Unterschnabels. Seit mehr als einem Jahrhundert haben Europäische und Amerikanische Zoos gelegentlich Stücke von Lear's Ara zusammen mit Hyazintharas erhalten. Die meisten solcher Sendungen kamen aus Para, vermutlich vom Hafen Belém, aber die genaue Lokalität von wo die kleineren Aras stammten, konnte nie ausfindig gemacht werden. Um 1950 besuchte Pinto den Ort Santo Antao in Pernambuco und man zeigte ihm dort einen gefangenen Lear's Ara, der von Joazeiro, einer Stadt am linken Ufer des Sao-Francisco-Flusses kommen sollte, der Pernambuco und Bahia trennt (Pinto 1950); es ist wahrscheinlich, daß die Art in dieser Region lebt. Sick (1969) vermerkt, daß die Art als selten bezeichnet werden muß, obwohl die Möglichkeit besteht, daß weitere Populationen noch entdeckt werden.")
Seit 1856 zerbrechen sich die Wissenschaftler den Kopf über diese Problem. Da es nicht möglich war, den Vogel in der Natur zu finden, stellte einer der besten heutigen Ornithologen, ein Holländer, kürzlich die Theorie auf, daß es diese " Art " überhaupt nicht gäbe: die gelegentlich im Tierhandel auftauchenden Exemplare (große Seltenheit; September 1977 flog ich extra von San Francisco nach San Diego, in dessen berühmten Vogelzoo ein Pärchen war; auch Walsrode hat oder hatte den Lear's Ara) seien Bastarde aus 2 längst bekannten anderen Arten, was sehr intelligent erschien. Daß das nicht der Fall sein konnte, war mir nicht im geringsten zweifelhaft, es war die Idee eines Museumsmannes, der keine lebenden Vögel kennt. Ich habe ein prachtvolles, sorgfältig präpariertes Exemplar mitgebracht, das erste Stück, das aus freier Wildbahn in ein Museum kommt (Rio). Wir sahen bis zu 21. Stück zusammen fliegen und kamen an die Schlaf-und Nistplätze in unerreichbaren Felshöhen der canyonartig eingeschnittenen Trockenflußtäler. Es ist die einzige Ara-Art, die dort vorkommt.
Die Reise war nicht einfach, selbst für einen Gesunden und junge Leute (meine Assistenten sind 20 und 21 Jahre alt). 3 Tage vor der Abreise bemerkte ich, daß sich bei mir ein Leistenbruch anbahnte. Die Sache wurde bald schlimmer. Unterwegs konnten wir kein Bruchband bekommen, eine elastische Binde aus meiner Reiseapotheke war nutzlos, machte die Hitze nur noch unerträglicher. Wenn möglich drückte ich das Ding beim Laufen mit der Hand hinein; auf der anderen Seite das Gewehr und andere Sachen. Endlose Ritte auf Lasttieren - nicht auf einem Sattel, sondern auf einem Holzgestell, zum Anhängen der Lasten und ohne Steigbügel; die haltlos über die scharfen Holzleisten herabbaumelden Beine "schlafen ein ", die Gefäße des Oberschenkels werden abgequetscht. Ein Wunder, daß meine Prostata nicht wild wurde, meine größte Sorge. Gleich an einem der ersten Reisetage hatte ich übrigens einen Malaria-Anfall. Meine Assistenten hatten öfter Fieber, Durchfälle, Verbrennungen und Verletzungen durch Pflanzen etc, Allergien usw.; für sie war die Reise ein fabelhaftes Abenteuer - auch ich genoß sie in diesem Sinn, aber für mich war es doch mehr bitterer Ernst.
Nach einem stundenlangen (unsere Führer hatten sich verirrt) Nachtmarsch im tiefsten lockeren Sand durch die weglose Dornbusch-Caatinga, kam ich dermaßen an den Rand der Erschöpfung, daß ich dachte, es könnte nun endlich aus sein: der große Erfolg war bereits errungen. Anscheinend habe ich doch eine letzte Spur vom Erbe des legendären Ahns aus unserem Wappen, der sich mit abgeschlagenen Armen aufrecht hält - wenn ich noch mit heraushängenden Därmen hinter den seltensten Vögeln der Erde her bin. Unser schöner Siegelring begleitet mich seit einigen Jahren wieder überall.
Meine Toyota-Mercedes-Diesel, Vierradantrieb, das stärkste Fahrzeug, das es in Brasilen gibt, haben wir in den straßenlosen Raso da Catarina weitgehend ruiniert - macht nichts, ich hatte sie ja dafür gekauft und das große resultat ist da. Am Ende mußten wir die Toyota stehen lassen und auf dem Kastenanhänger eines Traktors weiter fahren (ich hatte ihn am Rande des Gebiets von einer Regierungsstelle geliehen), wir ritten oder liefen. Nur zu oft blieb auch der Traktor stecken und wir mußten ihn mühsam wieder ausgraben.
Der Raso da Catarina ist eines der unzugänglichsten Gebiete Brasiliens, berüchtigt durch den Canudos-Krieg (1897, wir fanden eine deutsche Militärpistole, Brasilien bekam alles Kriegsmaterial von Deutschland, sogar Krupp-Kanonen wurden in die caatinga geschleppt, wo sie sich als gänzlich unbrauchbar erwiesen) und die erfolglose Jagd auf den Banditen Lampiao (Anfang der 30er Jahren, ein brasilanischer Film " O Cangaceiro ", diesen Stoff behandelnd, wurde in Berlin preisgekrönt). Im Canudos-Krieg, Revolte einer ganz kleinen Gruppe religiöser Fanatiker gegen die Republik, kamen über 1000 Soldaten, Elitetruppen aus Rio, Sao Paulo usw. um; es heißt, daß die meisten verdursteten. Wir hatten 60 Liter Wasser bie uns, was zu äußerster Sparsamkeit zwang (mit den Führern 4 - 5 Mann).
Meine Hoffnung, in Leari-Gebiet andere vollständig unbekannte Vögel zu finden, erfüllte sich bisher nicht. Die interessanteste Art war ein sehr versteckt auf dem Boden lebender Töpfervogel, leider bereits aus anschließenden Gebieten bekannt, wenn auch selten.
Die erste Mitteilung über die Entdeckung des Lear's Ara wird in ALAUDA (Frankreich).erscheinen, dessen Herausgeber, Jacques Vielliard, der mich auf meiner ersten Suche nach leari begleitete und jetzt wieder in Brasilien ist, mir zu einer möglichst schnellen Veröffentlichung verhelfen kann.
Nach Abschluß des Ara-Programmes (11/2 Monate) begriff ich, daß ich für den 2. Teil der Reise (weitere 11/2 Monate), Bearbeitung des äußerst seltenen Hokkohuhns in Alagoa, Nachbarstaat von Bahia,( ich hatte darüber auf dem Berlin-Kongreß berichtet) nicht mehr im Stande war. Wir hatten inszwischen Recife (Pernambuco) erreicht. Ich erwog stark, ob ich zur Operation nach Belém, an der Amazonasmündung, und nicht nach Rio gehen sollte. Die Vernunft siegte, ich flog nach Rio, so sehr mir davor graute.
Die Diagnose lautete: zweistelliger Leistenbruch, ich werde in den nächsten Tagen operiert.So vegetiere ich hier also weiter.
P.S " Raso " In den heißesten Stunden hielten es auch meine Begleiter nicht aus, weiter herumzulaufen. Wir suchten uns ein bißchen Schatten und legten uns in den Sand oder auf die Steine - nur sich nicht bewegen müssen.
An meinem Geburtstag, 10.1., der 69., saß ich in einem der Ara-Canyons und beobachtete die zum Schlafen ankommenden Tiere, mindestens 15, in meinem neuen Riesenfernrohr, mir wenige Tage vor meiner Abreise nach Bahia von Bras. Forschungsdienst zugestellt, nach jahrelangem Kampf von der Ost-Zeiss importiert. Das Blickfeld umfaßte genau 1 Paar der stolzen Vögel (ohne den langen Schwanz). Sie waren von einem dichten Schwarm von Fliegen umgeben und kratzten sich manchmal nervös am Kopf. Es war sicher der denkwürdigste Geburtstag meines Lebens.
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