Ursprünglich scheint das Gebiet der Lear-Aras deutlich größer gewesen zu sein, denn alte Berichte wiesen nicht nur den Nordosten Bahias, sondern auch das angrenzende Pernambuco als Vorkommen aus. Tatsächlich muß der Bestand noch vor 60 Jahren gesund gewesen sein. Bei Befragungen erinnerten sich einige alte Landarbeiter an große Schwärme, die regelmäßig über sie hinwegflogen. Heute muß man schon genau wissen, wo man die Vogel zu suchen hat, um sie noch zu Gesicht zu bekommen.
Zwei grundsätzliche Möglichkeiten gibt es hierbei: Entweder man sucht sie in ihren Nahrungsgebieten oder an den Schlafplätzen. Letztere sind 30 m bis 60 m hohe Klippen aus Sandstein, die sich in Canyons befinden und nur schwer zugänglich sind. Hier schlafen und brüten die Aras in Kolonien in ausgewaschenen Hohlen und tiefen Spalten, die manchma1 nur einen halben Meter voneinander entfernt sind, sich aber immer im oberen Drittel der Felswand befinden. Bis zu vier Vögel - dann meist ein Elternpaar mit zwei Jungen - halten sich gemeinsam in solch einer Höhle auf, nur wenige schlafen außerhalb. Das sind die Aufpasser, die frühmorgens erst überprüfen, ob keine Gefahr für den Schwarm besteht, bevor sie das Signal zum Aufbruch geben. Bereits zwischen 4.30 Uhr und 6 Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang, kommen dann die restlichen Aras aus ihren Schlafhöhlen heraus und brechen zu den Nahrungsgriinden auf.
Die erreichen sie in der Regel nach 12 km bis 32 km Flug zwischen 5 Uhr und 7 Uhr und verlassen sie wieder zwischen 16 Uhr und 18 Uhr. Hier sind sie leicht zu beobachten, zumal sich die Licuri-Palmen fast immer auf Rinderweiden zwischen vereinzelten hohen Bäumen befinden. Lear-Aras haben zwei "Hauptfutterzeiten": Einmal zwischen 6 Uhr und 9 Uhr, ein zweites Mal zwischen 14 Uhr und 16 Uhr. In der Mittagszeit rasten sie meist im Schatten der Blätter. Bis zu fünf Palmen fliegen sie zum Fressen an, bevorzugt werden Nüsse, die nahezu reif sind. Einen Teil der Nüsse finden sie auf dem Boden und im Dung der Rinder. Letztere fressen nämlich auch die Palmfrüchte, verdauen aber nur die außere Hülle und scheiden die harte Nuß zur Freude der Aras wieder aus. Die sparen sich dadurch das Schälen.
Die zwei Hauptpopulationen der Lear-Aras finden in ihren jeweiligen Gebieten unterschiedliche Situationen vor. Während sich die Nahrungpalmen der größeren Gruppe auf acht Gebiete verteilen, die zwischen 20 km und 32 km von den Schlafplätzen entfernt sind, müssen die Vögel der zweiten Population lediglich 12 km weit fliegen. Sie sind nicht nur schneller am Futter, in ihrem etwa 400 ha großen Gebiet gibt es auch mehr als 1000 Licuri-Palmen, die ganzjährig genügend Nüsse tragen. Ihre Artgenossen hingegen finden in ihren verschiedenen Nahrungsgründen maximal 600, oft aber nur I50 Palmen vor, die zudem noch nicht einmal das ganze Jahr über ausreichend Nüsse aufweisen. Einer der Pläne zum Schutz der Lear-Aras hat deswegen auch darin bestanden, neue Palmen in den Nahrungsgebieten anzupflanzen. Die ersten werden auch schon in einer Anzuchtstation an der Küste Bahias großgezogen und warten noch darauf, im Aragebiet eingepflanzt zu werden. Der amerikanische Biologe Charles Munn und sein brasilianischer Kollege Carlos Yamashita haben diese Aktion ins Leben gerufen und hoffen, daß sie in einigen Jahren Früchte trägt.
Die Brutzeit der Lear-Aras beginnt im September und Oktober, wo mehrfach Kopulationen beobachtet worden sind. Die Eier werden ab Dezember in die Klippenhöhlen gelegt, und im Januar schlüpfen die Jungen. Jetzt ist auch die Hauptreifezeit für die Licuri-Palmnusse, die bis zum April und Mai, wenn der Lear-Ara-Nachwuchs das Nest verläßt, in ausreichenden Mengen vorhanden sind. Schon wenige Tage nach dem Ausfliegen folgen die jungen Aras ihren Eltern zu den Viehweiden, auf denen sich genügend Palmen befinden.
Als wir im Juni dieses Jahres das Lear-Ara-Gebiet besuchten, entdeckten wir zwei Gruppen von 5 und 6 Vögeln um drei Uhr nachmittags auf solch einer Weide. Durch einen einzelnen rauhen Schrei waren wir aufmerksam geworden und dann in die Richtung, aus der er gekommen war, gelaufen. Schon bald sahen wir die erste Gruppe auf einem kahlen Baum, zwei weitere Vögel fraßen in einer Palme. Die zweite Schar hielt sich auf den obersten Zweigen eines blättertragenden Baumes auf. Wahrscheinlich hatten wir vier Paare mit drei Jungen vor uns. Sie hatten uns natürlich schon langst entdeckt, was wir an dem zunehmenden Rufen bemerkten. Obwohl wir uns ihnen sehr langsam näherten, flogen sie schon auf, als wir noch keine 200 m herangekommen waren. Immerhin ließen sie sich auf zwei nahegelegenen Bäumen nieder und erlaubten uns, noch einige Fotos aus großerer Entfernung zu machen. Einige Zeit konnten wir noch durch den Feldstecher beobachten, wie sie ruhig und gelassen auf ihren hohen Ästen thronten und das Gebiet unter sich (und wohl auch uns) im Auge behielten. Ein Pärchen hatte sich etwas abgesondert und kraulte sich von Zeit zu Zeit das Kopfgefieder. Kurz nach 16 Uhr verließen die Vogel das Gebiet, sicher auf direktem Weg zu ihrem Schlaf-Canyon.
In so einem Canyon hatte Helmut Sick sie das erste Mal beobachtet. Der Weg dorthin ist mühselig und schwierig, und eigentlich sollten die Aras hier geschützt sein. Daß dies leider nicht der Fall ist, dafür sorgen in den letzten Jahren einige brasilianische Fänger. Sie halten erst Ausschau, in welcher Felshöhle die Aras in den Abendstunden verschwinden, und lassen dann nachts ein großes Netz von der Oberkante des Canyons bis über den Höhleneingang herunter. Wenn die Aras frühmorgens ihre Schlafhöhle verlassen, verfangen sie sich in den Maschen und können hochgezogen werden. Auf diese Weise gingen Fängern in den letzten zwei bis drei Jahren bis zu dreißig Vögel ins Netz. Erst durch diese ungeheure Stückzahl merkten die Naturschützer, daß es noch zwei weitere Populationen des Lear-Aras gab. Sie forschten nach und fanden heraus, daß der bekannte Gesamtbestand heute vermutlich zwischen 120 und 150 Tieren liegt. Aber die illegalen Fänger arbeiten weiter.
Während unseres Aufenthaltes in Brasilien haben wir eines ihrer Opfer besucht, das sich nun in der Station des Spix-Ara-Projektes nahe der Stadt Curaça befindet. Es ist ein Lear-Ara, der am 7. Mai dieses Jahres bei dem Händler Jose Nerys de Souza - unter Raritätensammlern besser bekannt unter seinem Spitznamen Paraíba - in Petrolina beschlagnahmt worden ist. Schon lange hatten ihn die Mitarbeiter der brasilianischen Naturschutzbehörde IBAMA im Verdacht, illegal mit seltenen Papageien zu handeln. Als sie erfuhren, daß er einen Lear-Ara in seinem Haus versteckt haben sollte, schickten sie eine engagierte Ärztin zu ihm, die sich unter dem Vorwand der Moskitobekämpfung in seinem Haus umsah. Nachdem diese tatsächlich den Vogel in einem kleinen, verdreckten Käfig entdeckt hatte, schlugen die Behorden zwei Tage spater zu. Vier IBAMA-Mitarbeiter durchsuchten zusammen mit der Polizei das Haus von Paraíba und beschlagnahmten den Lear-Ara sowie weitere Vögel, unter ihnen eine Blaustirnamazone. Insbesondere der Lear-Ara hat noch einmal Glück gehabt. Als wir ihn zu Gesicht bekamen, hatte er sich schon wieder einigermaßen erholt gehabt, befand sich aber immer noch in einem jämmerlichen Zustand. Sein Gefieder war von Milben zerfressen, die Fänger hatten die Flügel gestutzt, und er zeigte schon Anzeichen von Hospitalismus. Auf dem Kopf hatte er eine noch nicht ganz verheilte Wunde, die ihm wahrscheinlich zugefügt worden war, als man ihn im Netz die Steilklippen hochzogen hatte. Sobald er sich erholt hat und die Federn nachgewachsen sind, soll er wieder in die Freiheit entlassen werden. (Internetseite Red: Leider ging der Ara kurz danach ein)
Im Gegensatz zu zahlreichen Artgenossen hat dieser Lear-Ara noch Glück gehabt. Man kann davon ausgehen, daß die meisten der gefangenen Vögel während des Fanges und vor allem beim späteren Transport und der "Lagerung" in Verstecken gestorben sind. Wo die Überlebenden hingekommen und wer die Zwischenhändler sind, kann man nur vermuten: in die U.S.A. wahrscheinlich und auf jeden Fall nach Europa - erst kürzlich wurden zwei Lear-Aras in Italien beschlagnahmt.
Paraíba wenigstens sitzt jetzt im Gefängnis und erwartet seinen Prozeß, der vermutlich erst in einem Jahr stattfinden wird. Er muß mit bis zu drei Jahren Haftstrafe rechnen, wahrscheinlich ist aber, daß er mehrere Jahre "prisão domiciliar" erhält, eine brasilianische Variante unserer Bewährungsstrafe, bei der sich der Verurteilte zweimal wöchentlich bei der Polizei melden muß und tagsüber die Stadt und nachts seine Wohnung nicht verlassen darf. So kann er einer regelmaßigen Arbeit nachgehen und seine Familie weiterhin ernähren. Ob er daraus lernen wird, ist freilich fraglich.
Einer seiner Kollegen - Luis Carlos Ferreira Lima, schon als einer der erfolgreichsten Spix-Ara-Fänger unter dem Namen Carlinhos zu zweifelhaftem Ruhm gekommen - zumindest hat diese Chance nicht genutzt. Er war bereits zu sieben Jahren "prisão domiciliar" wegen Tierschmuggels und illegalen Fangs verurteilt, als man in seiner Tiefkühltruhe den Kopf eines LearAras fand. Anfang Juni dieses Jahres hat man ihm den Prozeß gemacht, vier weitere - allesamt wegen illegalen Tierschmuggels vor allem mit Papageien - stehen noch aus.
Carlinhos wird das Gefängnis zwar in absehbarer Zeit kaum verlassen dürfen, doch die brasilianischen Naturschützer rechnen nicht damit, daß der Fang aufhört. Zwei weitere Händler aus Piaui werden wohl über kurz oder lang in seine Fußstapfen treten, und auch künftig wird es Raritätensammler geben, die jeden Preis für einen Lear-Ara bezahlen. Der einzige Weg, die Lear-Aras vor der Ausrottung durch skrupellose Fänger zu schutzen, wäre die Bewachung der Brut- und Schlafplätze. Dazu aber fehlt der brasilianischen Regierung und den Artenschützern das Geld. So sind die Lear-Aras vorläufig auf die Unterstützung von Vogelfreunden angewiesen, denen das Überleben der Papageien am Herzen liegt. Rasche Hilfe tut not, damit eine Bewachung der letzten Aras möglichst bald erfolgen kann.
Wenn Sie helfen wollen:
Zusammen mit dem "Fond fur bedrohte Papageien" der Zoologischen Gesellschaft far Arten- und Populationsschutz, München, unterstützen wir das Projekt zum Schutz der letzten Lear-Aras. Ihre Spende kommt den Aras zu 100 Prozent zugute, und natürlich werden wir künftig über die Lear-Aras und das Projekt berichten.
Ihre Spende überweisen Sie bitte an
"Fonds für bedrohte Papageien"
Volksbank Leingarten-Schwaigern (BLZ 620 632 63) Konto-Nr 88 945 405
Kennwort: Lear-Ara
Ihre Spende ist steuerlich absetzbar. Bis DM 100,- gilt der Bankbeleg als Spendenquittung, bei Spenden über DM 100,- erhalten Sie von der Zoologischen Gesellschaft eine gesonderte Spendenbescheinigung zugesandt.
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