Lear-Aras in Raso da Catarina
Im September 2001 reisten wir voller Erwartungen nach Brasilien. Während der ersten zwölf Tage waren Vogelbeobachtungen im Pantanal angesagt, dem größten Überschwemmungsgebiet der Welt. Seit zwei Jahren leidet das Pantanal unter zu geringen Niederschlagen; diese Veränderungen haben auch in der Tierwelt ihre Spuren hinterlassen. Unter anderem bruteten die Waldstörche (Mycteria americana) in zwölf bekannten Brutgebieten in diesem Jahr nicht. Der niedrige Wasserstand hatte vermutlich die Nahrungsquellen für die Störche versiegen lassen. Die Hyazintharas jedoch hatten etwa acht Wochen vor unserem Besuch mit der Brut begonnen. Mit sehr schönen Eindrücken und vielen Dias vom Tierleben im Pantanal traten wir die Reise ins Lear-Ara-Gebiet an.
Die Entdeckung des Lear-Aras verdankt man dem Ornithologen Prof. Helmut Sick. Herr Sick verbrachte sein halbes Leben damit, die Vogelwelt Brasiliens zu erforschen. Seit 1954 war er auf der Suche nach dem unbekannten blauen Ara gewesen. Bis zum Jahre 1979 unternahm er fünf große Expeditionen zu verschiedenen Standorten, an denen blaue Aras gesichtet worden waren. Die letzte Forschungsreise 1979 führte ihn zu den Cliffs, die auch wir besucht haben. Dort konnte er die ersten Leararas im Flug beobachten, womit das 120 Jahre andauernde Rätselraten um diesen Vogel ein Ende hatte.
In Salvador empfing uns Gil, der uns überschwänglich begrußte und uns viele Beobachtungen von Lear-Aras aus nächster Nahe versprach. Unsere Skepsis war jedoch sehr groß, weil wir nicht glauben konnten, den so seltenen blauen Ara in großer Stückzahl zu Gesicht zu bekommen. Am nächsten Tag brachte uns ein geländegängiges Auto auf einer sehr sandigen Straße in das angebliche Schlaf- und Brutgebiet der Lear-Aras. Es handelte sich um ein offenes und teilweise verbuschtes Areal mit Caatinga-Vegetation und einzeln stehenden Licuri-Palmen (Syagrus coronata). Sehr viele Palmen waren von dorniger Vegetation umgeben, und da sie nur etwa fünf Meter hoch werden, verschwanden sie fast in diesem Buschwerk. Links und rechts der Straße befanden sich zahlreiche kleine Farmen. Ihre Bewohner besitzen ein paar Kühe, Schafe und Ziegen und betreiben eine kümmerliche Landwirtschaft, vor allen Dingen Maisanbau. Der große Wassermangel in diesem Gebiet lässt eine gute Ernte nicht zu. Es kommt vor, dass es ein ganzes Jahr lang nicht regnet. Die Menschen sind sehr arm, und es ist nicht verwunderlich, dass auf alle Tiere, die essbar sind. geschossen wird.
Unser Ausgangspunkt war eine Farm,die sich am Rande der Sandsteintafelberge (Cliffs) befindet. Der folgende Tag war ausgefüllt mit intensiver Suche nach den Lear-Aras, leider ohne Erfolg. Am frühen Nachmittag ging die Fahrt zu den nahe gelegenen Cliffs, um die Schlaf- und Bruthöhlen dieser Aras zu sehen. Zwei Stunden lang führen wir über Stock und Stein. Unseren Beobachtungsplatz, etwa 100 m hoch in einem Felsdurchbruch eines Cliffs gelegen, erreichten wir nach kurzem Aufstieg. Wir hatten einen wunderschönen Blick auf die vor uns liegenden Cliffs, man konnte sehr viele Felshöhlen in den hohen Steilwänden sehen. Nach einer Stunde brach die Dämmerung herein, und unsere Hoffnungen, Lear-Aras zu sehen, schwanden immer mehr, denn in den Tropen dauert der Übergang vom Tag zur Nacht nur 20 Minuten. Plötzlich, ohne einen ankündigenden Laut, kam eine kleine Gruppe Lear-Aras angeflogen und verschwand in einer der Höhlen, die sich genau über uns befanden. Leider reichte das vorhandene Licht nicht mehr fur gute Diaaufnahmen. In den nächsten fünf Minuten kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus: Es trafen so viele Lear-Aras ein, wie wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht erhofft hatten! Unser Glück war, dass gerade Vollmond war und wir das Schauspiel fast eine Stunde lang im Mondschein verfolgen konnten. Teilweise flogen 80 Aras über uns. Ihr lautes Schreien erfüllte die Luft, und das Echo zwischen den Tafelbergen erhöhte die Lautstarke noch. Wir waren optimistisch, dass wir in den nächsten Tagen die Aras beim Fressen aus nächster Nahe beobachten wurden.
In der folgenden Zeit mussten wir leider feststellen, dass es tagsüber sehr schwierig war, überhaupt einen Ara fliegen zu sehen, geschweige denn beim Fressen zu beobachten. Am Nachmittag des vorletzten Tages unseres Aufenthalts beschloss Gil, einen alten Vogelfangertrick anzuwenden. Er besorgte drei Sack Maiskolben, band jeweils zwei Kolben zusammen und befestigte sie an einer Stelle, die auf dem Weg zu den Schlafplätzen von den Aras uberflogen wurde, in drei Palmen an den Wedeln. Anschließend ging es wieder zu den Cliffs, um den Anblick der fliegenden Aras noch einmal zu genießen. Eine giftige Korallenschlange verkürzte uns die Zeit bis zur Ankunft der Vogel. Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft kontrollierten wir noch einmal die Maiskolben. Zu unserer Überraschung hatten die Aras den Futterplatz angenommen. Am nächsten Tag fuhren wir um 2 Uhr in der Früh los, um zwei Unterstände aus alten Palmwedeln zu bauen. Kaum waren wir fertig, kamen die ersten LearAras angeflogen. Etwa vier Stunden lang standen wir in unseren sehr engen Unterständen und sahen den Aras beim Fressen, Spielen und Streiten zu. Einige hundert Fotos konnte ich aus etwa 30 m Entfernung machen.
Mit dem heutigen Besitzer dieses Areals konnten wir ein längeres Gespräch über die Lear-Aras führen. Herr de Farias schützt seit 15 Jahren aus eigenen Mitteln die Aras. Anbei einige Daten über seine Farm, die 80.000 ha groß ist, und seine Tätigkeiten zum Schutz der Vogel:
1) Auf der Farm werden 1000 Schafe, 150 Rinder und einige Pferde gehalten, und es wird in bescheidenem Maße Landwirtschaft betrieben.
2) In unmittelbarer Nähe der Cliffs wird auf einigen Feldern Mais angebaut, der nur für die Aras bestimmt ist. Leider herrscht seit vielen Jahren ein großer Wassermangel.
3) In den Cliffs befinden sich etwa 50 Schlaf- und Nisthöhlen Das Gebiet ist nicht eingezaunt, so dass Herr de Farias kein Polizeirecht ausüben kann.
4) Ein Teil seiner Mitarbeiter, nach eigenen Angaben sechs Personen, passen während der Brutzeit auf die Aras auf. Leider sind die Geldmittel des Farmers mittlerweile durch die schlechten Ernten stark eingeschränkt. Seit Jahren hat die Regierung finanzielle Unterstützung versprochen, aber bis heute ist noch keine Zahlung erfolgt.
5) Herr de Farias geht in die Schulen und zu Dorfversammlungen, um die Bevölkerung über den Lear-Ara zu unterrichten. damit alle helfen, diesen Ara zu schützen.
Zum Schluss unseres Besuchs richtete Herr de Farias die große Bitte an uns, ob wir für die Maisfelder, die nur fur die Lear-Aras bestimmt sind, eine Bewässerungsanlage (Brunnen, Generator, Wasserpumpe, Wassertank und Schläuche) spenden konnten. Die Kosten belaufen sich auf etwa 7.500 US Dollar.
Unser personlicher Eindruck von Herrn de Farias war sehr positiv. Er ist ein ruhiger Mann, etwa 50 Jahre alt, der uns sehr detaillierte Auskünfte über den Lear-Ara geben konnte. Wir persönlich glauben, dass es sich lohnt, diesen Farmer finanziell zu unterstützen, und dass das Geld dem Schutz der Vogel zugute kommt. Nach seiner Schätzung gibt es im Freiland nur noch 200 Lear-Aras. Eine Spende von 1.000 US Dollar werden wir selbst beisteuern. Die Naturfilmerin Renate Brucker wird sich auch mit 1.000 US Dollar beteiligen. Wir hoffen, dass sich noch einige Papageienfreunde finden werden, um den Lear-Ara zu retten.
Zufrieden aufgrund der schönen Tierbeobachtungen und mit sehr vielen guten Fotos im Gepäck machten wir uns auf den Heimweg, in der Hoffnung, nicht das letzte Mal in Brasilien gewesen zu sein. Im Pantanal scheint der Papageienbestand gut bis sehr gut zu sein. Hyazintharas und Blaustirnamazonen (Amazona aestiva) konnte man an sehr vielen Stellen beobachten. Die Papageien waren nicht zu scheu, es scheint kein Jagddruck zu herrschen. Im Gebiet allerdings, in dem die Lear-Aras leben, findet offenbar eine intensive Bejagung statt, die meisten Saugetiere sind ausgerottet. Eine Nachricht von Gil bestätigte unsere Beobachtungen: Ende Oktober 2001 wurde ein Lear-Ara in einem Maisfeld erschossen aufgefunden. Im Amazonasgebiet um Santarem ist die Situation leider ähnlich wie im Lebensraum der Lear-Aras. Wir konnten nur sehr wenige Saugetiere entdecken, und großere Sitticharten oder Aras finden nicht mehr genügend Nahrung. Die großen Baume zum Bruten sind nur noch vereinzelt vorhanden.
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