Nachrichten über Lear-Aras in Menschenobhut

 

von

David Waugh and Matthias Reinschmidt

Loro Parque Fundación

 

Der Lear-Ara Anodorhynchus leaeri, mit CITES Appendix 1 Listung, endemisch im Nordosten Brasiliens, wurde als schwer vom Aussterben bedrohte Art eingestuft (IUCN Rote-Liste-Kategorie – www.birdlife.org) da er eine extrem geringe brütende Bevölkerung aufweist und in einem Gebiet ansässig ist (3.900 km2). In dem halbtrockenen Lebensraum von Caatinga lebt er in enger Beziehung mit der Licuri-Palme (Syagrus coronatus), deren harte Früchte Hauptnahrungsquelle des Aras sind. Da der Bestand der Licuri-Palme, der früher eine Fläche von 250.000 km2 einnahm, durch das Weiden des Viehs deutlich reduziert wurde, ist der Ara durch die Verminderung seines Lebensraumes bedroht. Weiterhin wird er bedroht durch illegales Fangen für den Handel (BirdLife International 2000, 2006), und durch Farmer, die auf die Tiere schießen, wenn diese ihre Maisernte überfallen. Die neueste Schätzung der wildlebenden Gesamtbevölkerung liegt bei 632 Vögeln.

 

Aktivitäten zum Schutz des wildlebenden Bestandes und dessen Lebensraumes sind seit einigen Jahren in Gang und es wurde kürzlich ein Plan zur Verdeutlichung und Priorisierung der Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen veröffentlicht (IBAMA 2006). Dieser Plan sieht auch den Einsatz von Aufzucht in Menschenobhut als Ex-situ Erhaltungsinstrument vor. Die Loro Parque Fundación aus Teneriffa, Spanien, arbeitet gemeinsam mit der brasilianischen Regierungsbehörde IBAMA ( Brasilianisches Institut für Umwelt und erneuerbare Naturressourcen) und weiteren Partnern an diesem Feldprojekt. Weiterhin ist der LPF Kurator Matthias Rheinschmidt, mit Unterstützung von Onildo Marini-Filho von IBAMA und Ryan Watson von Al Wabra Wildlife Preservation, Verwalter des internationalen Zuchtbuches. Dieser Artikel stellt aktuelle Informationen über den in Menschenobhut lebenden Bestand dar.

 

 

Tabelle 1. Verteilung des Lear-Aras innerhalb des geregelten Bestandes

 

Teilnehmende Institution

Land

Status *

Al Wabra Wildlife Preservation

Qatar

4.5.0

Crax – Wildlife Research Society

Brazil

1.1.0

Harewood Hall

United Kingdom

1.2.0

Loro Parque Fundación

Spain

2.2.0

Lymington Foundation

Brazil

2.4.0

Zoo Rio de Janeiro

Brazil

6.5.0

Zoo Sao Paulo

Brazil

3.5.0

                                                                                     

Gesamt:

19.24.0

* (Männchen.Weibchen.Geschlecht unbekannt)

 

 

Im Zuchtbuch (Reinschmidt 2006) gibt es sieben teilnehmende Institutionen mit 43 offiziell eingetragenen Vögeln (Tabelle 1). Dies sind die Vögel, die derzeit den geregelten Bestand, der in Menschenobhut lebt, bilden, der von IBAMA koordiniert wird. Diese Vögel bleiben im Besitz der brasilianischen Regierung. Es gibt ein zusätzliches lebendes Exemplar, das von kompetenten Behörden im Oktober 2006 in Brasilien konfisziert werden konnte und das in den geregelten Bestand mit aufgenommen wird. Es gibt zwei weitere weibliche Exemplare, die voraussichtlich ebenfalls dem offiziellen Bestand hinzugefügt werden. Es gibt eine nicht bekannte Anzahl von Lear-Aras in der Schweiz, für die es noch keine begründete Aussicht auf Aufnahme in den offiziell geregelten Bestand gibt.

 

Demographisch betrachtet benötigt der kontrollierte Bestand einen Aufschwung des Brutverhaltens, um neue Küken hinzuzufügen, wie an der Alterspyramide deutlich wird (Abbildung 1), sowie eine Verbesserung des gegenwärtigen Verhältnis der Geschlechter von 0,74, durch das Hinzusetzen von mehr Männchen. Dennoch ist das Zuchtprogramm durchaus noch im Anfangsstadium. Da die meisten Aras dem Bestand als konfiszierte Jungvögel hinzugefügt wurden, gibt es genaue Schätzungen des Alters obgleich sie im Zuchtbuch als wildlebend gefangen registriert sind. Weiterhin zeigen endoskopische Untersuchungen der Keimdrüse dieser Vögel, dass sie erst im Alter von 7 bis 8 Jahren fortpflanzungsreif werden. (L. Crosta und L. Timossi, in litt.) Dies koinzidiert mit der ersten im Zuchtbuch registrierten Brut im Jahr 2006 bei Al Wabra Wildlife Preservation in Qatar, wo die ältesten Vögel leben.

 

Abbildung 1. Alterspyramide des geregelten Bestandes der Lear-Aras.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Anbetracht der Tatsache, dass 42 der im Zuchtbuch registrierten Ara wild gefangen wurden, machen die Gründertiere offensichtlich 97,6% des Bestandes in Menschenobhut aus, eine bemerkenswerte und positive Situation. Dennoch ist, dadurch dass die Aras aus ihren Nestern genommen und später oft gemeinsam beschlagnahmt werden, die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Gründertiere (die definitionsgemäß nicht verwandt sein sollten) Geschwisterpaare sind. Dessenungeachtet ist die genetische Situation im Lear-Ara Zuchtbuch insgesamt als positiv zu bewerten, wie die Arbeit von Prof. Cristina Miyaki und ihrem Team des Instituts für Molekulargenetik (Universität Sao Paulo) belegt. Dr. Miyaki hat Blutproben entnommen und DNA Analysen dieser Aras durchgeführt, wodurch sie in der Lage war, einen Index genetischer Ähnlichkeiten aller Exemplare zu erstellen. Dadurch konnte sie alle möglichen Paarungen, gemäß der statistischen Möglichkeit genetischer Verwandtschaften zwischen den Vögeln, klassifizieren (in fünf Klassen, von geringster Verwandtschaft=A, bis höchster Verwandtschaft=E). Allgemein ausgedrückt (wissenschaftliche Einzelheiten, Miyaki et. al. in prep.)bedeutet dies folgendes:

Die getesteten Aras (17,21) haben eine Gesamtmenge von 357 Paarungsmöglichkeiten, von denen 115 (32,2%) der am entferntest verwandten Kategorie zuzuordnen sind (A,B), 131 (36,7%) der mittleren Kategorie (C), und 11 (31,1%) der hohen Kategorie (D,E). Derzeit werden alle 17 Männchen mit bekannten Ähnlichkeiten, mit Weibchen mit relativem Verhältnis genetischer Verwandheit gepaart, wie in Tabelle 2 gezeigt wird. Dieselbe Tabelle zeigt die Veränderung dieses Verhältnisses wenn eine zweite Paarung der Aras innerhalb einer Institution stattgefunden hat, das heißt bevor ein Austausch der Aras zwischen den Institutionen vorgenommen wurde. Die Paarung in den einzelnen Institutionen wird in Tabelle 3 aufgezeigt.

 

Tabelle 2. Paarungen der Lear-Aras in den geregelten Beständen: Grad der genetischen Verwandtschaft,

 

Grad der Verwandtschaft

Verpaarungen

weitere Paarungen

 

Anzahl

%

Anzahl

%

gering (A, B)

 5

 29.4

 11

 64.7

mittel (C)

 3

 17.7

 5

 29.4

hoch (D,E)

 9

 52.9

1

  5.9

Gesamt 

17

100.0

17

100.0

 

 

Tabelle 3: Grad der Verwandtschaft in möglichen Verpaarungen der Lear-Aras innerhalb der einzelnen Institutionen.

 

Teilnehmende Institution

Verwandtschaft der Paarungen

Al Wabra Wildlife Preservation

1A, 1B, 2C

Crax – Wildlife Research Society

1E

Harewood Hall

N/A

Loro Parque Fundación

1B, 1C

Lymington Foundation

1A, 1C or 2B

Zoo Rio de Janeiro

4A, 1C

Zoo Sao Paulo

3A

 

Dadurch, dass es in der ersten Instanz einfacher ist, Artenbestände auf regionaler Basis zu verwalten, würde es Sinn machen, die Vögel für weitere Paarungen zwischen den Institutionen in Brasilien auszutauschen. Von den 11,15 in Menschenobhut lebenden Lear-Aras, die gegenwärtig in Brasilien leben, ist es möglich, 11 Paarungen gering verwandter Tiere (A) durchzuführen. Wenn die Absicht besteht, weitere Paarungen durchzuführen, entscheidet man dies am besten nach der Verträglichkeit der einzelnen Vögel, welche sich an der Verhaltensweise der Tiere zeigt, indem man folgende Regeln beachtet:

 

1. Vögeln, die in nicht erfolgreich reproduzierende Paare gebildet haben, die Möglichkeit geben, sich selbst in Paaren zusammenzufinden. Jedoch sollte man, bevor man ein nicht-reproduzierendes Paar trennt, dies sorgfältig abwägen.

 

2. Es ist das Ziel, die Paare zu finden, die die beste genetische Paarung ergeben, doch bevor ein bestehendes Paar getrennt wird, ist die Brutvorgeschichte und das Alter in Betracht zu ziehen.

 

Danksagung

Wir danken Prof. Cristina Miyaki für die Bereitstellung der Auflistung über die Verwandtschaft möglicher Paarungen.

 

 

Quellen

BirdLife International (2000) Threatened birds of the world. Barcelona and Cambridge, UK: Lynx Editions and BirdLife International

 

BirdLife International (2006) Species factsheet: Anodorhynchus leari. Downloaded from http://www.birdlife.org on 7/12/2006

 

IBAMA (2006) Management Plan for the Lear’s Macaw (Anodorhynchus leari). Endangered Species Series 4. Brasilia: Brazilian Institute of Environment and Renewable Natural Resources, Fauna Species Protection Coordination.

 

Reinschmidt, M (2006) Lear’s Macaw (Anodorhynchus leari) International Studbook, Annual Report and Recommendations for 2006. Puerto de la Cruz, Tenerife: Loro Parque Fundación.

 

 

Foto: Matthias Reinschmidt/Loro Parque Fundación