Wenn man insbesondere die neuere Literatur zum Status des Meerblauen Aras liest, wird klar, daß die Spekulationen zum großten Teil auf die Art und Weise zuruckzuführen sind, wie über ihn informiert wird. Viele Autoren haben die Angaben früherer Verfasser kritiklos übernommen und weitergegeben. Einige haben den Sachverhalt sogar mit Gerüchten und Vermutungen "bereichert". Vor allem diese Autoren haben viel zu den Mißverständnissen über die Verbreitung und Existenz des Aras beigetragen.
Einer meiner Bekannten hat die Bälge des Meerblauen Aras und des Lear-Aras in den meisten Museen Europas und der USA untersucht, aber leider keine Fotos gemacht. Nach der großen Diskussion in Großbritannien wegen des angeblichen Meerblauen Aras entschlossen wir uns, unseren Urlaub im Jahr 1992 in Argentinien und den benachbarten Regionen Brasiliens zu verbringen.
Wir hatten mehrere Ziele: Erstens wollten wir den Balg des letzten bekannten Meerblauen Aras, der 1938 im Zoo von Buenos Aires gestorben war, untersuchen und fotografieren. Laut Rosemary Low (1990) hatte Sydney Porter während einer Sudamerikareise den Zoo besucht und den Ara gesehen. Er berichtete, daß der Vogel schon über 45 Jahre alt gewesen sei und seit uber 20 Jahren dort gepflegt wurde. Auch der Ornithologe Orfila besuchte den Zoo und beschrieb 1936 diesen Ara in einem Artikel. Er hatte Schwarzweißaufnahmen von ihm und von einem Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) gemacht und in der Arbeit veroffentlicht. Wir stellten fest, daß die Bildunterschriften verwechselt worden waren. Orfila hatte auch von zwei Bälgen im Museum von Buenos Aires berichtet. Wir fanden aber nur einen, die anderen zwei sind angeblich spurlos verschwunden.
Zweitens suchten wir Kontakte zu südamerikanischen Ornithologen und Artenschutzorganisationen, um die aus der Literatur gewonnenen Informationen zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen.
Drittens wollten wir während unsrer beschränkten Zeit so viele Orte wie möglich besuchen, an denen die Meerblauen Aras laut Literatur gesichtet worden waren.
Es tauchte allerdings ein Problem auf, als wir entdeckten, daß einige der frühesten Berichte durch nachträgliche Ergänzungen und falsche Übersetzungen späterer Autoren verändert worden sind. Wir überpruften deshalb die Originaltexte gründlich, lasen auch den zu diesem Zeitpunkt unveröffentlichten Bericht von Nigel Collar, Mitarbeiter von BirdLife International, Cambridge, der eine Zusammenfassung aller bekannten Sichtungsorte mit Kartenhinweisen enthielt. Wir markierten diese Orte auf einer Karte (Maßstab 1 : 4.000.000) und stellten einen fast perfekten Kreis fest, der die Provinzen Corrientes und Misiones in Nordost-Argentinien, die Provinz Artigas in Nordwest-Uruguay sowie die Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Catarina in Sudwest-Brasilien umfaßte. Meldungen aus den Jahren um 1960, nach denen die Aras im brasilianischen Staat Sao Paulo beobachtet worden sein sollten, kamen uns unglaubwürdig vor.
Am 30. Juni flogen wir von London nach Buenos Aires. Zuerst besuchten wir das nationale Verkehrsamt und den Ornitholgenverein Association Ornithologica del Plata. Dieser besitzt eine ausgezeichnete Bibliothek, und seine Mitglieder sind hervorragende Kenner der einheimischen Vogelwelt. Dort entdeckten wir auch die spanische Ausgabe von d'Orbignys "Voyage dans L'Amerique Meridionale".
D'Orbigny, ein gewissenhafter Schriftsteller und erfahrener Reisender, hatte das Verbreitungsgebiet des Meerblauen Aras zwischen den Jahren 1827 und 1835 besucht. Er hat einen detaillierten Bericht über seine Reisen geschrieben, der auch Hinweise auf einen blauen Ara enthält. Im Text wird mehrfach auf die Yatay-Palme hingewiesen, so daß wir vermuten, daß diese die Hauptnahrungsquelle des Meerblauen Aras und deren Rödung möglicherweise die Hauptursache für die Ausrottung des Aras gewesen sein könnte.
Am darauffolgenden Tag besuchten wir den botanischen Garten, wo wir Yatay-Palmen kennenlernen wollten, danach den Zoo. Leider konnten wir weder über die Palme noch über den Meerblauen Ara nähere Informationen bekommen. Den Nachmittag verbrachten wir im Museo Argentino de Ciencas Naturales, wo wir den Balg von Anodorhynchus glaucus untersuchen, vermessen sowie fotografieren und mit der Videokamera aufnehmen konnten. Der Balg befand sich in einem Kellerraum mit künstlicher Beleuchtung und indirektem Tageslicht, wir durften ihn jedoch auch unter freiem Himmel begutachten.
Der Balg ist montiert und hat Glasaugen, deshalb sieht er ziemlich naturgetreu aus. Die Gesamtlänge beträgt 640 mm, die Schwanzlänge 360 mm und die Flugellänge 395 mm. Der Schnabel ist lackiert. Der Oberschnabel ist 88 mm und der Unterschnabel 44 mm lang. Die Grundfärbung ist grünblau, Hinternacken, Hals und Oberbrust sind graubräunlich. Das Gefieder am Rücken zeigt eine leichte bräunliche Säumung. Der Kopf ist blaugrau. Unsere Videoaufnahmen im Kellerraum, die wir von verschiedenen Standpünkten aus machten, zeigen die bereits von dem spanischen Naturforscher Azara (1809) beschriebene erstaunliche Farbänderung von Blau zu Ultramarin, je nach Lichteinfall.
Wir stellten fest, daß man einen Meerblauen Ara nicht mit einem Lear-Ara verwechseln kann. Wie dieser hat er einen verhältnismäßig kurzen Schwanz, und die nackte Wangenhaut dehnt sich nicht wie bei einem Hyazinthara bis unter den Unterschnabel aus.
Dies bestätigte sich, als wir nach der Rückkehr aus Südamerika den Balg eines weiteren Meerblauen Aras im Museum der Naturkunde in Berlin untersuchen und gleichfalls mit dem Balg eines Lear-Aras vergleichen konnten. Auch hier stellten wir fest, daß man beide unter normalen Lichtbedingungen nicht verwechseln kann. Die graue Färbung am Nacken des Meerblauen Aras, der bis 1892 im Berliner Zoo gelebt hatte, war sogar noch besser zu sehen als bei dem Exemplar in Buenos Aires. Zuerst hatten wir den Eindruck, daß der Meerblaue Ara größer sei als der Lear-Ara, aber nachdem wir die beiden Bälge vermessen hatten, stellten wir fest, daß doch der Lear-Ara etwas größer ist.
Maße der Bälge im Berliner Museum in mm:
Meerblauer Ara Lear-Ara
Länge: 675 690
Schwingen: 370 370
Schwanz: 360 400
Oberschnabel: 80 80
Doch zurück nach Argentinien: Am 3. Juli verbrachte ich einige Stunden bei der Fundacion Vida Silvestre Argentina, einer Waldschutzorganisation. Dort erfuhr ich, daß die Yatay-Palmen fast alle abgeholzt worden sind, weil sie auf gutem Ackerland standen. Sie waren bald so stark gefährdet, daß die argentinische Regierung 1965 den Parque Nacional El Palmar in der Nähe von Colon im westlichen Teil der Provinz Entre Rios gegründet hatte, um die Palmenart zu retten. Hier bekam ich auch zum ersten Mal Exemplare der Palmenfrucht zu sehen.
Die Yatay-Palme gehört zur Gattung Butia, die mit den Gattungen Arecastrum und Syagrus eng verwandt sein soll. Die Yatay-Palme ist sehr anpassungsfähig. Sie kommt sowohl im tropischen Regenwald als auch im trockenen subtropischen Wald vor und übersteht sogar mäßigen Frost. Die Frucht der Yatay-Palme ist eiförmig, 5 cm lang und ähnelt einer großen Eichel. Sie hat eine sehr harte Schale mit einer fleischigen, feinfaserigen äußeren Mesokarpschicht und einem dicken steinigen Endokarp. Das Fleisch ist saftig und genießbar. Es wird von den Einheimischen verzehrt, und der Saft wird zu Wein vergoren.
Im Parque Nacional El Palmar beeindruckten uns die Palmen durch ihre Größe und ihr blaugraues Blattwerk. Diese Färbung der Palmblätter bot dem Meerblauen Ara wahrscheinlich Tarnung und damit Schutz vor seinen natürlichen Raubfeinden, wie beispielsweise der Harpyie-Adler (Harpia harpyja). Wir erinnerten uns an eine Textstelle in d'Orbignys "Voyage dans L'Amerique Meridionale", wo er die riesigen Wälder der Yatay-Palmen entlang dem Rio Parana beschrieb.
Diese Palmenwälder existieren in Entre Rios und Corrientes nicht mehr. Man bekommt entlang dem Rio Paraguay nur noch an wenigen Stellen zwischen den Städten Resistencia und Formosa, an denen die Palmen vorkommen, einen Eindruck, wie ihn d'Orbigny hatte. Interessanterweise hatte er bereits 1827 vorausgesehen, daß die Wälder verschwinden werden, sobald die Siedler begriffen hatten, wie fruchtbar der Boden ist. Die Besiedlungsdichte der Provinz Corrientes nahm seit dem 16. Jahrhundert - die Stadt Corrientes wurde 1588 gegründet - stetig zu, und die an den nördlichen, östlichen und westlichen Grenzen liegenden Flußsysteme wurden benutzt, um Menschen und Nutztiere ins Landesinnere zu bringen und Bodenschätze auszuführen. Diese Entwicklung wurde mit dem Einsatz der Dampfmaschine im Schiffverkehr stark beschleunigt.
Ich fand eine ausführliche Eintragung über die Provinz Corrientes in einem 1866 veröffentlichten geographischen Lexikon, wo der hohe Besiedlungsdruck auf die Region geschildert wird. Zu diesem Zeitpunkt existierten noch 1.600 Quadratkilometer Palmenwald. 1847 schätzte Parish die Bevölkerung auf 41.000 Bewohner, 1848 wurden von McCann nur noch 32.000 angegeben. Der Rückgang wurde zweifellos durch den damaligen Bürgerkrieg verursacht.
Die Ausgabe von Baedeker aus dem Jahre 1914 listete für 1913 bereits eine Bevölkerung von fast 350.000 Menschen auf. Dies ergab eine Dichte von über vier Einwohnern pro Quadratkilometer. Damit hatte sich die Bevölkerung zwischen 1848 und 1913 mindestens verzehnfacht. Eine Entwicklung, die sich mit Sicherheit auf den Bestand des Meerblauen Aras ausgewirkt hat.
Wir verbrachten viel Zeit mit der Suche nach Angaben von Futterpflanzen des Meerblauen Aras. Obwohl Tony Silva (1989) meint, die Nahrungspflanzen des Meerblauen Aras seien unbekannt, vermutet er, daß sich die Art von den Früchten der Atalea-phalerata-Palme ernährt habe. Auch andere Autoren haben über dieses Thema spekuliert. Azara (1802) war der erste Forscher, der auf die Ernährung des Meerblauen Aras einging, als er darauf hinwies, daß Schnabel und oberer Gaumenbereich verhältnismäßig weich seien und daher die Ernährung auf Früchte, Samen und Datteln beschränkt sein müsse. Goeldi (1894) meinte, der Ara fresse die Früchte der Tucum- und Mucuja-Palmen. Er hatte diese Information offensichtlich aus der Arbeit von Bates (1848) entnommen, der die Ernährung des Hyazintharas beschrieben hatte. Sick (1984) wiederum bezog sich in seinem Werk "Ornitologia Brasileira" auf Goeldi.
Ich konnte in d'Orbignys Werk keinen Hinweis auf die Ernährung des Meerblauen Aras finden, obwohl Collar (1992) erwähnt, daß d'Orbigny einige Notizen an Bourjot Saint-Hilaire geschickt habe, in denen er behauptet haben soll, der Meerblaue Ara fresse die Nüsse verschiedener Palmen. Tatsächlich gab Bourjot Saint-Hilaire diese Informationen in seinem Werk "Histoire naturelle de Perroquets" (1837 - 1838) wieder.
Wir sind aber davon überzeugt, daß sich der Meerblaue Ara von den Früchten der Yatay-Palme ernährte. Unsere These wird durch Martin de Moussy (1860) bestätigt, der von einem "kleinen blauen Ara" in Corrientes berichtet, der in den Yatay-Palmen lebt und deren Samen frißt. Die Ernährung der Blauaras ist in jungerer Zeit von Carlos Yamashita wissenschaftlich erforscht worden, die Ergebnisse habe ich in Ausgabe 2/94 von PAPAGEIEN beschrieben.
Der Meerblaue Ara scheint nie zahlreich gewesen zu sein. Der Jesuit Sanchez Labrador, ein ausgezeichneter Naturkenner, berichtete 1767, daß der Ara in den Wäldern entlang dem Rio Paraguay selten gewesen sei, obwohl er am Ufer des Rio Uruguay, der die östliche Grenze der Provinz Corrientes bildet, häufig angetroffen wurde. Anhand dieser Aussage ist es allerdings schwierig zu beurteilen, wie groß der Bestand tatsächlich war. Azara zum Beispiel sah lediglich einige Paare, und d'Orbigny erwähnte den Ara nur nebenbei.
Zwar nicht unbedingt zum Thema gehörend, ist es fur den einen oder anderen Leser vielleicht dennoch interessant, daß d'Orbigny das Fleisch des Meerblauen Aras probierte, es aber als zäh und ungenießbar bezeichnete.
Nachdem wir die erste Zeit unseres Urlaubs mit dem Besuch verschiedener Institutionen und dem Studium von Literatur zugebracht hatten, fuhren wir in den nächsten 10 Tagen 3.500 km kreuz und quer durch die Provinzen Entre Rios, Corrientes und Misiones. Unter anderem fuhren wir von der Stadt Corrientes den Rio Paraguay entlang bis Clorinda in Formosa und besuchten auch kurz Asuncion in Paraguay. Wir verschafften uns dabei einen Eindruck vom Verbreitungsgebiet der Art. Nirgendwo fanden wir ausreichend Lebensraum für einen großen Papagei wie den Meerblauen Ara. Die Provinzen Entre Rios und Corrientes bestanden schon immer zum größten Teil aus offenen, fast baumlosen Landschaften. Wälder existieren nur entlang den großen Flüssen am Rande der Provinzen sowie den wenigen Wasserläufen. Nordost-Corrientes beherbergt ein riesiges Sumpfgebiet. Obwohl viel Land fur die Landwirtschaft trockengelegt worden ist, existieren noch große Flächen des ursprünglichen Sumpfgebietes. Diese bieten aber keinen geeigneten Lebensraum fur einen großen Ara. Auch das Batel-Sumpfgebiet im westlichen Corrientes, wo d'Orbigny im Sommer 1827 einen Ara schoß, bietet keine Lebensgrundlagen mehr fur die Art.
Die Störfaktoren für den Wildtierbestand sind enorm. Abgesehen von der Forst- Land- und Viehwirtschaft hat man ein riesiges Wasserkraftwerk am Rio Uruguay gebaut. Durch dieses Bauprojekt wurde das umliegende Tiefland geflutet, und ein Umgehungskanal fur den Schiffsverkehr mußte gebaut werden. Es gibt ähnliche Projekte am Rio Parana. Wir befragten überall die Einheimischen über den Meerblauen Ara. Selbst die ältesten Einwohner konnten sich nicht an einen solchen Vogel erinnern.
Wir hatten noch Hoffnung, in Misiones nähere Informationen zu bekommen. Besonders im nördlichen Teil dieser Provinz sind noch größere Flächen mit Primärwald bedeckt. Wir stellten bald fest, daß dieser Wald aus trockener, subtropischer Vegetation besteht, in der die Parana-Pinie (Araucaria augustiflora) dominiert. Er enthält nur wenige Palmenarten, und wir fanden keine Yatay-Palmen.
In dem kleinen Städtchen Eldorado sprach ich mit einigen alten Siedlern, unter ihnen auch einem Busunternehmer, der 1923 eingewandert war, einen kleinen Zoo besaß und mit Papageienarten vertraut war. Er erzählte mir, daß die ersten deutschen Siedler vor allem jagten und fischten, anstatt Forst- und Landwirtschaft zu betreiben. Daher ist in Misiones der Urwald zum größten Teil erhalten geblieben. Keiner der alten Siedler hatte den Meerblauen Ara je gesehen oder von ihm gehört. Im östlichen Teil der Provinz sprachen wir mit aus Brasilien stammenden Bauern. Alle kannten die einheimischen Papageienarten, wie z.B. den Scharlachkopfpapagei (Pionopsitta pileata), den Maximilianpapagei (Pionus maximiliani), die Blaustirnamazone (Amazona aestiva) oder den Grunwangen-Rotschwanzsittich (Pyrrhura molinae), vom Meerblauen Ara hatten sie aber noch nie etwas gehört.
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