Existiert der Meerblaue Ara noch? (Teil II)


von Tony Pittman


In " Papageien ", Ausgabe 3/95 erschienen


Von Iguaçu aus fuhren wir durch Süd-Brasilien nach Sao Paulo zurück. Wir waren vom Anblick der umfangreichen Rodungen erschüttert, die wir während der Fahrt sahen. Der trockene subtropische Wald, der sich einst von Paraguay bis an die atlantische Küste Brasiliens ausdehnte, ist nahezu verschwunden. Die meisten Wälder bestehen aus eingeführten, schnell wachsenden Baumarten, wie der Karibikpinie oder dem Eukalyptus. Hieran wird sich wohl auch künftig kaum etwas ändern. So erfuhr ich vor einigen Jahren von einem brasilianischen Diplomaten, daß seine Regierung bereits versucht hatte, die Wiederaufforstung der Wälder mit Zuschüssen zu fördern. Die Landbesitzer hatten daraufhin fast den gesamten Restbestand des ursprünglichen Waldes abgeholzt und fremdländische Baumarten nachgepflanzt, um die Zuschüsse zu bekommen.

Leider entwickelt sich eine ähnliche Situation jetzt in der Provinz Misiones, wo immer mehr ursprünglicher Wald von Anpflanzungen fremdländischer Baumarten ersetzt wird.

Nachdem wir nun mehrere tausend Kilometer durch das ehemalige Verbreitungsgebiet des Meerblauen Aras gereist sind, müssen wir zu unserem Bedauern feststellen, daß dort für ihn keine Lebensgrundlagen mehr vorhanden sind. Ich vermute sogar, daß der Meerblaue Ara schon Anfang dieses Jahrhunderts im Freiland ausgestorben ist, hauptsächlich wegen der Rodungen der Yatay-Palmen, seiner Hauptnahrungsquelle.

Ich nehme auch an, daß der Bestand nie groß war. Es wird oft gemutmaßt, daß irgendwo in Sudamerika noch eine kleine Population des Meerblauen Aras überlebt haben könnte. Die Entdeckung eines bis dahin unbekannten kleinen Bestandes des Lear-Aras (Anodorhynchus leari) von Sick im Jahre 1978 in einem abgelegenen Landesteil Brasiliens wird als Beispiel dafür genannt. Dies trifft jedoch nicht fur das allgemein anerkannte Verbreitungsgebiet des Meerblauen Aras zu. Neben zahlreichen Ansiedlungen ist die ganze Region auch seit der Zeit der Jesuiten im achtzehnten Jahrhundert militarisch "erschlossen" worden. Im neunzehnten Jahrhundert gab es dort verheerende Kriege, eingeschlossen der von 1835 bis 1851 andauernde Bürgerkrieg, der Paraguay, Brasilien und Uruguay mit einbezog und an dem sich britische und französiche Marine-Einheiten beteiligten. Der von 1865 bis 1870 von Paraguay geführte Krieg gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay sowie ein Jahrzehnte andauernder Grenzstreit mit Bolivien, der schließlich zu einem Krieg von 1932 bis 1935 führte, wirkt bis heute nach. Immer noch ist der Zugang zum Rio Parana auf der argentinischen sowie auch auf der paraguayischen Seite sehr beschränkt und wegen der Präsenz des Militars oft unmöglich.

Ich erfuhr das selbst, als ich das Ufer des Rio Parana bei Ita-Ibate im nördlichen Corrientes besichtigen wollte, wo im Dezember 1827 d'Orbigny die Nistplätze einiger Meerblauen Aras gesehen hatte. Dabei wurde ich von der argentinischen Marine kurz festgenommen. Zum Glück konnte ich den zuerst ungläubigen Offizier davon überzeugen, daß dieser mit grünen Drillichhosen bekleidete, 1,90 m große und 95 kg schwere Engländer, der mit Fernglas, Kamera und Notizbuch ausgestattet war, wirklich auf der Suche nach den ehemaligen Nistplätzen einer ausgestorbenen Papageienart war; er begleitete mich dann, während ich Photoaufnahmen einiger steiler, steiniger, etwa 7 bis 8 Meter hoher Abhänge machte.

Wir kehrten am 17. Juli nach London zurück. Die ganze Reise war anstrengend und enttäuschend gewesen, da wir erkennen mußten, daß der Meerblaue Ara als ausgestorben gelten muß. Auch jüngere Hinweise von Papageienhaltern, die Art wäre Mitte dieses Jahrhunderts noch gesehen worden, erwiesen sich im Laufe unserer Nachforschungen als unhaltbar. So ist zum Beispiel die Sichtmeldung eines Vogels in der Nahe von Bella Union, Uruguay, aus dem Jahre 1951 von Vaz-Ferreira offensichtlich ein Irrtum. Unsere Korrespondenz mit Nelson Kawall, dem bekannten brasilanischen Papageienhalter, bestätigte, daß die Mitteilung des aus Italien nach Brasilien ausgewanderten Ornithologen Rossi dalla Riva an Bertagnolio, er hätte einen Meerblauen Ara in seinem Besitz gehabt, dieser sei aber im Januar 1976 an verdorbenem Futter gestorben, seiner Phantasie entsprang. Auch seine Behauptung, Nistplätze im Staat Sao Paulo gefunden zu haben, scheint erfunden gewesen zu sein. Erfreulich hingegen war, daß wir viele äußerst freundliche und kooperative Menschen überall auf unserer Reise kennengelernt, und deren Hilfe und Rat unsere Nachforschungen wesentlich unterstützt haben.

Seit unserer Rückkehr habe ich intensiv alte Forschungsberichte studiert. Ich stellte dabei fest, daß viele Autoren zwar einen "blauen Ara" beschrieben, meist aber damit den Gelbbrustara (Ara ararauna) gemeint haben. Ein Beispiel hierfür ist der berühmte französische Naturforscher Buffon. Bei Vieillot hingegen, der in seinem Werk "La Galerie des Oiseaux" aus dem Jahre 1825 den Hyazinthara mit einschloß, zeigt die Bildtafel zwar tatsächlich einen Hyazinthara, aber die Beschreibung paßt eher zu einem Meerblauen Ara.

Außer der Bibliothek des Museum of Natural History im Londoner South Kensington konnte ich auch die des Latein-Amerika-Instituts in Belgrave Square besuchen. Dort fand ich interessanterweise die im Jahre 1859 veröffentlichte Berichterstattung des Kapitäns Page, der von 1853 bis 1856 fur die amerikanische Marine die Flußsysteme Argentiniens und Paraguays erforscht hatte. An keiner Stelle ist der Meerblaue Ara erwähnt, obwohl im Anhang ein Anodorhynchus cinereus aufgelistet wird. Sicher ist jedoch, daß er dem United States National Museum in Washington einige Bälge des Meerblauen Aras geschenkt hat.

Danksagung

Abschließend möchte ich Diego Gallieno, Claudio Bertonatti, Dr. Navas und seiner Assistentin Juana in Buenos Aires sowie Daphne Colombet in der Provinz Misiones, Nelson und Marianne Kawall in Sao Paulo, Dr. Mauersberger in Berlin und Nigel Collar von ICBP recht herzlich danken. Nicht zu vergessen sind Senor Abel der "Pinalito Reserve in Misiones" und das Ehepaar im kleinen Dorf von Deseado, Misiones, das mich mit warmem Wasser, Seife, Handtüchern und Bier versorgte, als ich, erschöpft und von Kopf bis Fuß mit rotem Schlamm bedeckt, ankam, nachdem ich mein Auto mit bloßen Händen ausgegraben hatte, das im Uruguai-Provinzpark bis zur Achse steckengeblieben war.

Ich bin auch für die Nachsicht der Mitarbeiter der beiden Londoner Bibliotheken sehr dankbar, die mit einem oft hektischen Geschäftsmann zwischen dessen Terminen konfrontiert wurden, der Informationen rasch heraussuchte und photokopieren ließ, damit er sie später abholen und studieren konnte.

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