Am Ende dieser zum Teil abenteuerlichen Expedition und nach eingehenden Studien der vorhandenen Literatur bin ich zu dem bedauerlichen Ergebnis gekommen, daß dieser mysteriose enge Verwandte des herrlichen Hyazintharas (Anodorhynchus hyacinthinus) ausgestorben ist, und zwar wahrscheinlich schon seit Anfang dieses Jahrhunderts. Wir hatten festgestellt, daß sich der Lebensraum in den letzten 150 Jahren völlig verändert hat, vor allem durch die Rödungen der Yatay-Palmen (Butia yatay), der mutmaßlichen Hauptnahrungsquelle des Aras, und die Lebensgrundlagen nicht mehr vorhanden sind.
Nichtsdestotrotz gab es seit unserer Reise im Jahr 1992 immer wieder Berichte und Gerüchte, daß der Meerblaue Ara noch existiere. Schließlich berichtete mir ein britischer Forscher Anfang dieses Jahres (1997), daß zwei japanische Ornithologen behaupteten, einen Ara im östlichen Teil der Provinz Corrientes in nordöstlichen Argentinien gehört zu haben.
Zum gleichen Zeitpunkt erhielt ich aus Großbritannien Informationen, nach denen der Meerblaue Ara im Sumpfgebiet im sudwestlichen Teil von Paraguay noch vorkomme. Ich entschloß mich, Anfang Juli 1997 nach Südamerika zu fliegen, um diesen Berichten nachzugehen und auch Bekanntschaften, die ich während meiner Reise 1992 geschlossen hatte, zu erneuern und Kontakte zu pflegen. Schon vor der Abfahrt sandte ich Judy Hutton, die ich zwei Jahre zuvor beim ornithologischen Kongreß in Asunción kennengelernt hatte und die schon seit 30 Jahren in der Provinz Corrientes wohnt, ein Fax, um ihre Meinung zu den Behauptungen der Japaner zu erfragen. Ihre kurze Antwort "völlig unmöglich" war nicht ganz unerwartet, denn ich weiß selbst, daß die Laute der blauen Aras manchmal sehr leicht mit denen anderer Vögel, beispielsweise Krähen oder sogar Enten, zu verwechseln sind. Da ich aber schon lange ein Anhänger der Ideen des berühmten Professors Popper bin - er meinte, man solle immer Gegenbeweise anstatt Bestätigung suchen -, wollte ich der Sache selbst nachgehen.
Als ich frühmorgens in Buenos Aires eintraf, besuchte ich zuerst Claudio Bertonatti, der bei der Fundacion Vida Silvestre Argentina fur Artenschutzmaßnahmen zuständig ist. Er nannte mir einige Kontaktadressen in der Provinz. Danach ging ich zum Museo Argentino de Ciencias Naturales, um neue Aufnahmen vom dortigen Balg des Meerblauen Aras im Freien zu machen. Es war kalt mit Minustemperaturen, aber es herrschte heller Sonnenschein, so daß gute Aufnahmen möglich waren.
Am Abend fuhr ich mit dem Bus weiter nach Corrientes, wo ich ein Auto mietete, um in der Gegend umherzufahren. Die Antwort von Judy schien berechtigt. Bedingt durch den zwischenzeitlichen Aufschwung in der argentinischen Wirtschaft, war die Möglichkeit eines Vorkommens des Meerblauen Aras in der Provinz Corrientes noch unwahrscheinlicher als zur Zeit unserer ersten Expedition. Anschließend reiste ich mit einem Bus weiter nach Asunción, der Hauptstadt Paraguays, wo ich mit Freunden von den Naturschutzbehorden zusammentraf.
Nachdem ich ihnen von den Berichten erzählt hatte, befand ich mich unerwartet früh am nächsten Tag zusammen mit Margarita Mieres, Cristina Morales und Jorge Escobar in einem Geländewagen auf dem Weg nach Pilar, einer Stadt im sudwestlichen Paraguay am Rio Paraguay, der hier die Grenze zu Argentinien bildet. Etwas weiter südlich mündet der Rio Paraguay in den Rio Parana. Wir fuhren einige Stunden auf der Hauptstraße über Paraguari nach San Juan Bautista. Dort bogen wir nach Westen ab, um die 144 km lange Strecke auf dem ausgefahrenen, sandigen Weg nach Pilar zuruckzulegen. Da wir meist nicht schneller als 30 km pro Stunde fahren konnten und wir mehrmals anhielten, um die Landschaft zu besichtigen, dauerte es viele Stunden, bis wir in der Dämmerung endlich in Pilar ankamen. Am selben Abend trafen wir Gustavo Granada, der in der kleinen Universitat Pilars lehrt und dessen Familie ein Landgut in der Nähe des Rio Parana besitzt, auf dem er Forschungsarbeiten mit seinen Studenten durchführt. Er erzählte mir stolz von den großen Yatay-Palmenhainen dort und meinte, er könne uns zumindest diese zeigen.
Bei Sonnenaufgang am nächsten Tag waren wir unterwegs. Wir befuhren die schlechte Straße in Richtung Paso de Patria am Rio Parana. Immer wieder sahen wir Ruinen von Festungen und Denkmäler, die an Schlachten während des großen Krieges (1865-1870) mit Argentinien, Uruguay und Brasilien erinnern, in dem Paraguay höchstwahrscheinlich 90% seiner erwachsenen männlichen Bevölkerung verlor. Dann fuhren wir über die Weiden des Landgutes von Gustavo Granada bis zum Haus eines seiner Mitarbeiter. Unterwegs hielten wir mehrmals an, um die Palmen zu besichtigen. Ich war etwas verblüfft, denn diese waren nur drei bis vier Meter hoch. Die Yatay-Palmen, die ich funf Jahre zuvor im Parque Nacional E1 Palmar in Argentinien gesehen hatte, waren dagegen beeindruckend hoch gewesen.
Jorge Escobar, ein bekannter Ornithologe und unser Reisebegleiter, vermutete, daß der Grund für den niedrigen Wuchs vielleicht der nahrstoffarme, ausgelaugte Boden an der nördlichen Seite des Rio Parana sei. Nach meiner Ruckkehr kam ich aber aufgrund von Recherchen zu dem Ergebnis, daß diese kleinen Palmen doch keine Yatay-Palmen waren, sondern die engverwandte Palmenart Butia paraguayensis, die von den Einheimischen in Paraguay verwirrenderweise jatai genannt wird. Gustavo hatte uns auch nebenbei erzählt, daß diese Palmen nur kurze Zeit Früchte tragen, was für die Ernährung des Meerblauen Aras problematisch gewesen wäre.
Da es mir nicht mehr zweckmäßig erschien, weiter in der Gegend umherzufahren, fragte ich, ob noch sehr alte Leute in der Nähe lebten. Daraufhin fuhren wir zum Dorf Lomas, wo uns ein 95jähriger Baumwollbauer vorgestellt wurde. Er hieß Ceferino Santa Cruz und hatte sein ganzes Leben dort gewohnt. Er sprach nur die indianische Sprache Guarani, die von Jorge und Gustavo ins Spanische übersetzt wurde.
Ceferino erzählte uns, daß sein Vater im Jahr 1875, nach dem großen Krieg, sich in Lomas niedergelassen hatte. Er selbst hatte den blauen Ara nie gesehen, aber wohl den großen roten (Ara chloroptera). Sein Vater hatte ihn jedoch über den großen blauen Ara informiert. Der Ara fraß die frischen, grünen Früchte der Akrokomia-Palme (Acrocomia totai). Er ging nie auf dem Boden, um abgefallene Früchte aufzunehmen, da diese zu hart seien. Das Gespräch war sehr interessant. Ich hatte nur bedauert, daß ich nicht direkt daran teilnehmen konnte.
Wir fuhren nach Pilar zuruck, um dort mit Andreas Contreras unser Abendessen einzunehmen. Andreas hatte kurz zuvor finanzielle Untersti.itzung von der EU bekommen, um das Naturschutz-Forschungszentrum " Der Mensch und die Natur in Paraguay" in Pilar zu gründen. Seine Eltern sollten auch dabei sein, und da sein Vater, Professor Julio Contreras, ein bekannter argentinischer Ornithologe ist, freute ich mich schon riesig auf das Zusammentreffen.
Vor dem Essen saßen wir in der Bibliothek von Andreas, und sein Vater erlautete seine Ansicht zum Überleben des Meerblauen Aras. Er hatte selbst 15 Jahren lang, während der Bearbeitung eines " Atlas der Vögel von Corrientes ", die Provinz kreuz und quer durchreist. Es war kein geeignetes Habitat mehr vorhanden, und das schon seit langer Zeit. Außerdem hatte er mit verschiedenen Einheimischen gesprochen und konnte wahrscheinlich die letzten Beobachtungen der Vögel im Freiland dokumentieren:
l. Einer der Befragten berichtete, sein Onkel habe den Meerblauen Ara 1919, in dem Jahr, in dem er geheiratet hatte, etwas nördlich der Stadt Corrientes zuletzt gesichtet.
2. Ein Mitarbeiter des Onkels, der kurz zuvor im Alter von 90 Jahren gestorben war, habe erzählt, daß er Meerblaue Aras im Jahr 1930 im Wald von Riachuelo, etwas südlich der Stadt Corrientes, zuletzt gesehen habe.
3. Ein Nachbar berichtete, daß ein Paar der Aras bis 1932 in einem riesigen, uralten Baum (Enterolobium contortisiliquum) in der Nähe der Stadt Corrientes genistet hatte, aber dann verschwunden war.
Herr Professor Contreras fügte hinzu, daß die Einwohner die Aras jagten wie in Großbritannien die Bauern die Saatkrähen.
Für mich war es erstaunlich, daß die Aras bis in die dreißiger Jahre überlebt hatten, dazu noch so nah an der Stadt Corrientes. Es bleibt mir immer noch rätselhaft, daß im Lauf der Jahrhunderte so wenig über diesen herrlichen Ara geschrieben worden ist, weder von Einheimischen noch von Reisenden.
Der erste, der über den Meerblauen Ara - der Guaa obi oder hovy in Guarani heißt - berichtet hatte, war der Jesuitenpater Sanchez Labrador. In seinem 1767 veröffentlichten Werk " Fische und Vögel von Paraguay" berichtete er von einem zahmen Ara:
"Sie lassen sich gut zahmen und tun Dinge, die überraschen. In dem Ort, `la Concepcion de Nuestra Senora', in dem Guarani-Indianer wohnten, gab es einen sehr zahmen dieser blauen Guaa. Wenn ein Missionar aus einer anderen Mission kam, begab sich der Guacomayo (Ara auf spanisch) zu dessen Zelle. Fand er die Tür geschlossen vor, stellte sich der Ara auf die Türschwelle, streckte sich, bis er mit dem Schnabel die Klinke erreichte, gab Laute von sich, als wenn er anklopfen würde, und öffnete oft die Tür, bevor diese von innen geöffnet wurde. Er erklomm den Stuhl, auf dem der Missionar saß, und schmeichelte ihm mit dem Kopf, bis dieser mit ihm sprach, als wenn er sich fur die Aufmerksamkeit und den Besuch bedanken würde. Daraufhin kletterte der Ara vom Stuhl und lief vergnügt hinaus auf den Hof.
Wenn der Ara die anderen zahmen Vögeln verfolgte, dann rief ihn der Missionar, und er kam demütig daher und hörte sich mit großer Aufmerksamkeit dessen Anklage an: Die Strafe für diese Taten seien Schläge. Wenn der Ara dies hörte, legte er sich auf den Rücken und hielt die Füße so, als ob er seine Finger kreuzen würde, und man tat so, als würde man ihn mit einem Gürtel bestrafen. Er verweilte ruhig, bis er das Wort `elf in zwölf' (das heißt `der zwölfte') hörte, drehte sich dann sofort um und kletterte an der Soutane des Missionars, der das `Urteil' gesprochen hatte, hoch bis auf dessen Hand. Dieser streichelte ihn und redete ihm freundlich zu, dann ging der Guaa sehr zufrieden davon."
Diese außenordentlich interessante Geschichte zeigt, wie sehr das Verhalten des Meerblauen Aras in Menschenobhut dem seines großen Verwandten, des Hyazintharas, ähnelte.
Meine Reise war leider sehr kurz, aber trotzdem ein großes Erlebnis. Ich hatte zwar den Meerblauen Ara nicht gefunden, aber etwas mehr über ihn erfahren.
Schließlich möchte ich den folgenden Personen herzlich danken: Claudio Bertonatti, Herrn Dr. Navas und Joanna, seiner Mitarbeiterin, in Buenos Aires, Judy Hutton in Mburucuya, Lucy Acquino-Shuster für die Nutzung des Geländewagens in Paraguay, Margarita Mieres, Cristina Morales und Jorge Escobar für die hervorragende Betreuung und Gesellschaft, Gustavo Granada, Andreas Contreras und seinen Eltern, Professor Julio Contreras und Frau Amalia, in Pilar, Ceferino Santa Cruz in Lomas sowie Senora Dietlind Kubein Nentwig, meine Kollegin in Madrid, die mir bei der Übersetzung und Interpretation einiger schwieriger Passagen des von Pater Sanchez Labrador verfaßten Textes aus dem 18. Jahrhundert hilfreich zur Seite stand.
Andere Artikel über der Meerblaue Ara
Artikelverzeichnis
Blue Macaws Home Page