Über die Ernährung der Anodorhynchus/Arten


von Tony Pittman


Im Papageien, Ausgabe 2/94 erschienen


Bis vor wenigen Jahren war sehr wenig über die Ernährung der Anodorhynchus Art im Freileben bekannt. Die beiden frühesten mir bekannten detaillierten Hinweise erschienen im Werk von H.W.Bates " Der Naturforscher an die Amazonen ", das 1863 über seinen 11-jährigen Aufenthalt in Brasilien erst veröffentlicht wurde. Im " Die Tocatins und Cameta " genannten Kapitel trug er am 7. September 1848 folgendes ein: " Wir sahen hier zum ersten Mal die herrlichen Hyazintharas (Macrocercus hyacinthinus, Lath., die Ararúuna der Einheimischen), eine der feinsten und seltensten Papageiarten... Sie fliegen paarweise und fressen die harten Nüsse von einigen Palmen, insbesondere der Mucuja (Acrocomia lasiopatha). Diese Nüsse, die so hart sind, daß man sie mit einem schweren Hammer kaum zerschlagen kann, werden mit dem mächtigen Schnabel des Aras völlig zerquetscht."

Vier Jahre später als er " Die Reise auf den Tapajos " beschrieb, erzählte er " wir fanden kleine Schwärme der Aras beim Fressen der Früchte der Tucuma Palmen (Astryocaryum tucuma), deren extreme harten Nüsse von dem mächtigen Schnabel des Vogels zerstoßen werden. Ich fand den Kropf von allen Exemplaren (er hatte sechs erschossen, Anm des Autors) voll mit einem sauren aus den steinartigen Früchten bestehenden Brei gefüllt."

Für die nächsten 125 Jahren gibt es anscheinend fast keine zusätzlichen Informationen. Goeldi schien in seinem " As Aves do Brasil " von 1894 die von Bates beschriebenen Ernährungsweise dem Meerblauen Ara (Anodorhynchus glaucus) zuzuschreiben. Diese Angaben wurden dann von Helmut Sick in seinem in 1984 veröffentlichten Werk "Ornitologia Brasileira" wiederholt gegeben. In den letzten Jahren bestätigten die Forschungen von Munn, Yamashita, Brandt und Machado daß sich die Anodorhynchus Aras auf Palmfrüchte spezialisiert haben. Während unserer eigenen Reisen in Brasilien hatten wir selbst die Hyazintharas beim Fressen der Früchte der Acuri- (Scheelea oder Attalea phalerata) und Bocaiuva-Palmen (Acrocomia aculeata) im Pantanal beobachtet.

In meinem in der Oktober-Ausgabe 1992 der britischen Parrot Society Zeitschrift veröffentlichten Bericht (Der Meerblauer Ara. Existiert er noch?) über unsere Reise im selben Jahr nach Argentinen, Paraguay und Brasilien, um das noch existierende Habitat des Meerblauen Aras festzustellen, erzählte ich, wie wir durch die zahlreichen historischen Berichten über die Vegetation der Region vermuteten, daß der Meerblauer Ara ausschließlich die Palmnüsse der Yatay-Palmen (Butia yatay) fraß und wegen der Rodungen der Palmenhaine im letzten Jahrhundert im damaligen Verbreitungsgebiet längst ausgestorben ist.

Diese Vermutung ist in einem in der April-Ausgabe 1993 der BOC-Bulletin erschienenen Artikel von Calos Yamashita und Mauro de Paula bestätigt worden. In diesem Bericht hatten die Wissenschaftler die Schneidebewegung und Wirksamkeit des Schnabels der Anodorhynchus-Arten, die sich auf Palmnüsse spezialisiert haben, mit denen anderer Papageiarten, die nicht spezialisiert sind, verglichen.

Es ist bekannt daß die Anodorhynchus-Arten die stärkste Schneidebewegung des Unterschnabels von allen Papageien. Der Hyazinthara und der Lear-Ara (Anodorhynchus leari) benutzen beide die Schneidekante des " Meißels" um Palmnüsse zu zerspalten. Es erscheint logisch anzunehmen daß der Meerblauer Ara als Mitglied der Anodorhynchus- Arten auch diese Eigenschaft teilte.

Im Laufe ihrer Untersuchung maßen Yamashita und de Paula Valle die Schneidebreite des Unterschnabels aller drei Anodorhynchus-Vertreter sowohl wie die der Bälge 13 anderer Papageiearten. Sie sammelten auch von verschiedenen Aras geöffnete Palmnüsse, um die Schneideweise zu vergleichen.

Die Durchschnittsschneidebreite der nicht auf Palmnüsse spezialisierten Papageien variierten von 7,4 mm des Hahn's Zwergaras (Ara nobilis) bis zur 15,4 mm des Dunkelroten Aras (Ara chloroptera). Die Anodorhynchus-Arten besaßen eine viel größere Durchschnittsschneidebreite, die 22,4 mm beim Lear-Ara, 24,2 mm beim Meerblauen Ara und 30,6 mm beim Hyazinthara betrug.

Die Autoren stellten auch fest, daß die Körpergröße in keinem Verhältnis zur Schneidebreite des Unterschnabels stand. Der Rotohrara (Ara rubrogenys), zum Beispiel, ist kleiner als der Gelbbrustara (Ara ararauna), aber besitzt eine größere Schneidebreite. Der Lear-Ara, der Gelbbrustara und der Hellroter Ara (Ara macao) sind von Größe und Gewicht ähnlich, haben aber unterschiedliche Schneidebreite mit einem Durchschnitt von 22,4 mm, 11,3 mm und 12,2 mm. Einige neotropische Sittiche haben im Verhältnis zur Größe eine sehr große Schneidebreite.

Ein Vergleich der geöffneten Palmnüsse zeigt, wie geschickt und präzis wie die Anodorhynchus-Arten die Nüsse öffnen. Die nicht auf Palmnüsse spezialisierten Aras andererseits stoßen oder öffnen die Nüsse sehr ungenau. Die Wissenschaftler kamen zur Schlußfolgerung daß Anodorhynchus-Arten sehr wählerisch sind. Die Palmnüsse müssen eine bestimmte Größe und Form wie auch ausziehbare Kerne mit einer bestimmten Holzfaserstruktur haben.

Die licuri Palme (Syagrus coronata) scheint die einzige Palmenart innerhalb des Verbreitungsgebietes des Lear-Aras mit diesen Kennzeichen zu sein. Deshalb ist diese Unterart wegen Rodungen sehr empfindlich. Es gibt vier Palmenarten im Paraguay Flußsystem im Verbreitungsgebiet des Hyazintharas. Abgesehen von den obengenannten Acuri und Bocaiuva findet man auch die Caranda-Palme (Copernicia alba) und die Babassu-Palme (Orbignia martiana).

Die Acuri Palmnuß ist von der Schneidebreite her am besten geeignet und wird in der Tat von den Hyazintharas vorgezogen. Die Bocaiuva Palmnuß ist kleiner, aber immer noch geeignet. Die Caranda Palmnuß hat jedoch eine ungeignete Holzfaserstruktur und ist deshalb unverzehrbar. Die Babassu Palmnuß ist normalerweise zu groß und deshalb wird nur eine ganz kleine Menge von den Hyazintharas gefressen.

Die Kalkulation der Verhältnisse zwischen der Schneidebreite und dem Durchmesser der geeigneten Palmnüssen für den Lear-Ara und den Hyazinthara ermöglicht die Berechnung der Nußgröße und Form, die für den Meerblauen Ara am besten geeignet wäre. Die einzige, diesen Kriterien entsprechende Palmnuß, der einst überall im anerkannten Verbreitungsgebiet des Meerblauen Aras zu bekommen war, ist die der Yatay-Palme (Butia yatay). Die anderen Palmen haben entweder Nüsse mit einer unverzehrbaren Holzfaserstruktur oder im Falle von A.aculeata existiert die Palme nur noch an einigen wenigen Standorten desVerbreitungsgebietes. Deshalb kann man schließen daß das Schicksal des Meerblauen Aras in der Tat mit dem der Yatay-Palme, wie wir vermutet hatten, eng verbunden war.

Alle diese Palmen haben ganz besondere Bedürfnisse für Fortpflanzung und Wachstum. Im Pantanal, das örtlich bis zu vier Meter hoch überschwemmt werden kann, wachsen diese Palmen am höheren Boden und daher in der Nähe von Siedlungen. Deswegen sind die Hyazintharas direkt in der Umgebung der Fazendas, wie zum Beispiel am Pousada Caiman zu finden. Ziemlich dichte Haine sind notwendig um eine Population von Hyazintharas zu unterstützen. Daher muß alles getan werden um diese Bäume zu schützen, besonders in Umfeld einer Fazenda, und neues Wachstum für die Zukunft zu fördern.

Schließlich trafen wir Anfang Juniauf dem Heimweg mit Carlos Yamashita in Sao Paulo und verbrachten einige höchst interessanten Stunden mit der Erörterung seiner Forschungsarbeit und unserer eigenen Aktivitäten. Er händigte uns eine Kopie des Berichtes aus, auf dem Artikel basiert, und einige von Aras geöffnetete Palmnüsse als Ergänzung unserer bereits vorhandenen Palmnußsammlung. Während dieses fruchtbaren Informationsaustausches schlug er vor, daß die von Wissenschaftlern an der Fazenda beobachtete Gewohnheit der Hyazintharas von Vieh ausgeschieden Palmnüsse am Boden zu suchen wahrscheinlich nicht neu ist, sondern die Wiederbelebung eines uralten Brauches, den schon das ausgestorbene Riesenfaultier (Megatherium) und andere sehr große prähistorische Pflanzenfresser, die sich von Palmfrüchten ernährten, pflegten.

Literatur

Bates W.H 1863 The Naturalist on the Amazons, Everyman's Library Goeldi.E 1894 As Aves do Brasil
Lorenzi.H 1992 Arvores Brasileiras, Ed. Plantarum Ltda
Sick.H 1984 Ornitologia Brasileira, Ed. Universidade de Brasilia
Pittman.A.J The Glaucous Macaw. Does it still exist? Parrot Society Magazine. October 1992
Yamashita.C 1993 On the linkage between Anodorhynchus macaws and palm nuts, and the extinction of the Glaucous macaw. Bull. B.O.C. 1993 113(1)

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