Sie erinnern sich noch? WP-Magazin - und PAPAGEIEN-Leser haben letztes Jahr unter Führung von Thomas Arndt eines der atemberaubendsten Papageienegebiete der Erde besucht: den brasilienischen Pantanal, dessen Vogel-und Tierwelt einzigartig ist. Lesen Sie was unsere Leser alles Aufregendes erlebt haben.
Zu den zoologischen Kostbarkeiten im Pantanal gehören die größten Papageien der Erde, die Hyazintharas, die eindrucksvollen Riesenstörke, oder jaiburus und der Ozelot. Der schönen Kleinkatze steht hier eines der letzten Rückzugsgebiete zur Verfügung, in dem sie vor Wilderei relativ gut geschützt ist.
Unser Geländewagen holpert die Sandpiste entlang, und wir haben das Gefühl, Brunet läßt absichtlich kein Schlagloch aus. Brunet ist unser Fahrer, Führer und Proviantmeister zugleich. Ihm und seiner Frau Marisa gehört die kleine Pousada Arara Azul, in der wir mit unserer kleinen Gruppe vor fünf Tagen abgestiegen sind, und er kennt das Gebiet hier wie kein anderer.
Wir haben es uns auf der kleinen Ladefläche des Wagens so bequem gemacht, wie es eben geht. Natürlich hätten wir auch im etwas bequemeren Personenwagen fahren können, aber von hier oben aus können wir das Land vor uns besser übersehen. Plötzlich ein Schrei! Brunet bremst abrupt, und wir reißen die Köpfe nach oben. Links von uns kommen uns mit kräftigen Schwungen zwei schwarzblaue Vögel entgegengeflogen. Gelassen passieren sie unseren Wagen, und wir können deutlich hören, wie sie mit jedem Flügelschlag die Luft verdrängen. Von Zeit zu Zeit stoßen sie ihre rauhen Rufe aus, die wir hier schon so oft gehört haben. Es sind zwei Hyazintharas, die größten Papageien überhaupt, die nun langsam in der Ferne verschwinden.
Wie schon so oft in den letzten Tagen, haben wir das sichere Gefühl, daß sich unsere Reise hierher gelohnt hat. Hier, das ist der Pantanal - eines der letzten Rückzugsgebiete dieser violettblauen Papageien und eines der wenigen Gebiete Brasiliens, in dem man Natur noch hautnah erleben kann. Hier, das sind überschwemmte Weiden, die man bis zur Hüfte im Wasser durchwatet, das sind staubige Straßen, das sind vor allem aber Tausende und Abertausende von Vögeln und andere Tiere.
Unsere Gruppe besteht aus Vogelfreunden, alles WP-Magazin- und PAPAGEIEN-Leser, die in den Südwesten Brasiliens gekommen sind, um Papageien und Sittiche einmal aus der Nähe zu beobachten und vor allem den großen Hyazinthara besser kennenzulernen.
Die Fahrt geht weiter. Wir passieren wackelige Holzbrücken, auf deren Geländer sich Eisvogel niedergelassen haben und unter denen Kaimane dosen, fahren vorbei an Büschen mit kreischenden Nanday- und Mönchssittichen, und einmal sehen wir sogar einen Schwarm Blaustirnsittiche, der sich unter tosendem Geschrei erhebt, sich dann aber 200 m weiter wieder in einer Buschgruppe niederläßt. Vorsichtig verfolgen wir ihn, aber bevor wir nah genug an die grünen Vögel herankommen, um gute Fotos zu machen, haben sie sich schon wieder erhoben und ziehen lärmend davon.
Wir ruckeln weiter Richtung Nicolandia. Es ist das Gebiet mit der größten Hyazinthara-Dichte im Pantanal. Man schützt, daß es allein hier noch einige Tausend dieser herrlichen Vögel gibt. Im Gegensatz zu früher werden sie heute nicht mehr gejagt oder gefangen, und in den letzten Jahren hat sich der Bestand erstmals wieder langsam vergroßert. Zu verdanken ist das vor allem Neiva Guedes - einer engagierten Biologin, die seit Jahren für den Schutz der großen Papageien kämpft und in mühevoller Kleinarbeit und unzähligen Gesprächen die Hacienda-Besitzer davon überzeugt hat, wie wertvoll diese Vögel für den Pantanal sind. Wir haben sie schon vor einigen Tagen kennengelernt und werden ihr fur einige Tage bei der Arbeit im Schutzprojekt helfen.
Vorerst aber fordert der holprige Weg und die umliegende Tierwelt unsere ganze Aufmerksamkeit. Regelmäßig sehen wir kleine Familien von Capybaras, den großten Nagetieren der Welt, im Wasser zu beiden Seiten der Straße verschwinden. Einmal überqueren sogar einige Nasenbären die Straße, und von weitem beobachten wir einen Großen Ameisenbär, der gemütlich durch das sumpfige Grasland trottet. Mit seinen kurzsichtigen Augen und seinem verhaltnismaßig schlechten Gehör hat er uns wahrscheinlich noch gar nicht wahrgenommen. Jetzt bleibt er stehen und sucht mit seiner extrem verlängerten Schnauze etwas am Boden. Vielleicht hat er Ameisen oder Termiten entdeckt, von denen er täglich bis zu 30.000 verschlingt.
Da, links, etwas abseits der Straße, sehen wir auf einer der zahlreichen Palmen ein Paar Dunkelrote Aras sitzen. Genüßlich nagen die beiden an der Außenschicht einer Palmfrucht. Längst sind wir von der Ladeflache gesprungen und nähern uns ihnen vorsichtig. Fünfzig Meter sind sie noch entfernt, jetzt sind es nur noch dreißig Meter. Sie zeigen immer noch keine Scheu. Nun stehen wir keine fünfzehn Meter vor ihnen und können in aller Ruhe und ausgiebig unsere Fotos machen. Ein herrlicher Anblick! Mein nächster Schritt aber ist zuviel: Laut protestierend fliegen sie auf und landen im nächsten hohen Baum. Die Palmfrucht freilich haben sie mitgenommen, so groß war die Störung durch die deutschen Papageienfreunde nun auch wieder nicht, als daß sie sich ganz und gar die Mahlzeit verderben ließen.
Keine 200 m weiter entdecken wir in einem niedrigen Gesträuch drei Goldnackenzwergaras. Auch sie fressen gerade, sind aber deutlich schreckhafter als ihre großen Verwandten: Als wir uns ihnen nähern, verschwinden sie hinter den Büschen. Sie zu verfolgen hat wenig Zweck. Ihre Fluchtdistanz liegt bei zwanzig Metern - zuviel, um ein gutes Foto knipsen zu konnen. Dafür sehen wir in der Ferne einen Pampashirsch. Er richtet sich kurz auf, beaugt uns und läuft dann gemächlich weiter. Sie sind häufig hier, und wir können sie regelmaßig beobachten.
Vor einem Tor halten wir. Ab hier beginnt eine der riesigen Haciendas. Sie ist Privatbesitz, und wir wissen nicht, ob wir den Grund betreten dürfen. Wir haben aber auch jetzt schon viel gesehen und sind nicht darauf angewiesen, weiterzufahren. Brunet verteilt Lunchpakete. Es gibt belegte Schnitten und Obst. Die Rast tut uns nach der holprigen Fahrt auf dem Geländewagen gut.
Auf der Weide neben dem Tor erscheinen drei Nandus. Diese größten aller sudamerikanischen Vögel sind nicht selten, meist sieht man sie allerdings einzeln. Leider halten sie sich in respektvoller Entfernung, trotzdem machen sie mit ihren weitausholenden Schritten Eindruck auf uns. Überhaupt können wir uns an der Vielzahl der Vögel nicht sattsehen. Viele kennen wir allerdings nicht. Insgesamt ist es für Europaer sowieso nicht leicht, sich in die Vogelwelt Sudamerikas einzuarbeiten, zu verschieden sind die Arten. Die kleine Gruppe Enten, die jetzt über uns hinwegfliegt, kennen wir allerdings: Es sind Moschusenten, die zu Tausenden auch in den Teichen europaischer Vogelzüchter leben. Es ist aufregend, ihnen auch einmal in freier Natur zu begegnen.
Wir machen uns gemächlich auf die Rückfahrt. Brunet wendet den Wagen, wir klettern auf die Ladefläche, und los geht's. Als wir an der Palmenansammlung vorbeikommen, fährt Brunet Schrittempo. Vielleicht entdecken wir die beiden Aras noch einmal. Stopp! War da nicht ein Papageienschrei zu hören? Wieder springen wir von der Ladefläche, jetzt schon mit wesentlich mehr Routine. Langsam gehen wir auf die ersten Palmen zu, angestrengt tasten wir mit unseren Blicken die einzelnen Wedel ab. Plötzlich ein lautes Geschrei, und wild fliegen drei Amazonen auf. Wir erhaschen gerade noch einen kurzen Blick und erkennen an dem roten Flügelspiegel, daß es Blaustirnamazonen sind. Vorsichtig gehen wir weiter, und nun zeigt sich, daß der ganze Palmenhain voll von diesen grünen Papageien ist. Sie zu entdecken ist freilich ein Kunststück: Sie sind absolut leise und durch ihr Gefieder so ideal getarnt, daß wir sie regelmäßig zu spät entdecken. Aber die ganze Gruppe ist auf den Füßen. Jeder von uns versucht, mit mehr oder weniger Erfolg, doch noch ein gutes Foto von den herrlichen Vögeln zu schießen.
Bald erkennen wir auch, was die Amazonen hierherzieht: Die grünen Palmnüsse haben es ihnen angetan. Im Gegensatz zu den großen Aras fressen sie aber nicht das Innere, sondern sie nagen genüßlich das Ektokarp ab. Dabei halten sie die schwere Frucht in einer Kralle und beißen nach und nach von der gelblichen Umhüllung ab.
Mittlerweile sind auch wieder die Dunkelroten Aras eingetroffen. Sie haben sich auf einem hohen Baum postiert und betrachten von dort aus die Palmen unter sich. Wir staunen nicht schlecht, als sich in kurzen Abständen drei weitere Paare zu ihnen gesellen. Offensichtlich fühlen sie sich aber von uns gestört, denn nur ein Paar läßt sich zum Fressen herab. Langsam wird es dunkel, und wir können nicht mehr fotografieren. Schweren Herzens verlassen wir die Amazonen und Aras und machen uns diesmal ohne Zwischenstopp auf den Heimweg.
Am nächsten Morgen treffen wir Neiva. Sie hat das Holz für die Nistkästen dabei, die wir für die Hyazintharas bauen wollen. Jetzt sind die Männer in ihrem Element: Schließlich sind sie alle Vogelzüchter mit jahrelanger Erfahrung im Bau von Brutgelegenheiten. Drei Stunden wird gesägt, gehammert und genagelt, dann bewundern wir das Ergebnis. Vor uns stehen sechs nagelneue Kästen, die darauf warten, aufgehängt und von den Aras bezogen zu werden. Was wir am Anfang noch nicht so recht glauben wollten, hat sich zwischenzeitlich bestätigt: Die Hyazintharas lieben die künstlichen Höhlen. Erst vor wenigen Monaten hat ein Paar in einem Nistkasten Junge aufgezogen, der von der Gruppe des Vorjahres aufgehängt worden war.
Nach dem üppigen Mittagessen stellen wir uns noch schnell für das obligatorische Gruppenfoto mit Nistkästen auf, dann wird der erste auf den Anhänger des Traktors geladen, und wir fahren los. Neiva hat bereits einen geeigneten Baum in einer kleinen Waldinsel ausgesucht, die nicht allzu weit von der Pousada entfernt liegt. Sie demonstriert uns, wie sie erst mit einer Schleuder ein an einem langen Nylonfaden befestigtes Eisenstück aber einen der hohen, kräftigen Äste schießt, an dem dann das Kletterseil hochgezogen wird. Wir staunen nicht schlecht, als Neiva mit ihrer Kletterausrüstung und mit Hilfe des Seiles den Baum erklimmt. Unsere Aufgabe ist es, den schweren Kasten mittels eines weiteren Seiles nach oben zu ziehen. Ansonsten bekommt jeder von uns früher oder später Genickstarre vom andauernden Nachobenschauen. Tauschen freilich will so recht niemand mit Neiva, die dort in luftiger Höhe den Kasten befestigt.
Plötzlich hören wir einen rauhen Schrei: Hyazintharas! Tatsächlich, drei Vogel kommen angeflogen und umkreisen jetzt laut rufend den Baum. Zwei bleiben sogar flatternd in der Luft stehen und schauen, was Neiva da macht. Wir stehen mit offenen Mündern da, mit so etwas haben wir nicht gerechnet. Nach zwei Minuten haben die Vögel offensichtlich genug gesehen und verschwinden wieder. Fur Neiva ist das Spektakel nicht ungewöhnlich, erklart sie uns. Hyazintharas sind neugierige Vogel, die keine Scheu vor dem Menschen haben und immer wissen wollen, was in ihrer näheren Umgebung geschieht.
Abends sitzen wir wieder gemütlich mit Brunet und Marisa zusammen, lassen bei einem Glas Caipirinha noch einmal die kleinen und großen Abenteuer und die vielen Wunder des Pantanals aufleben. Neiva muß wie immer noch die eine oder andere Frage über die Tiere oder das Projekt beantworten. Heute ist die Stimmung freilich ein klein wenig schwermütig, morgen ist schließlich Abreise. Auf den Weg zu den Gästezimmern zieht jeder noch einmal die klare und herrlich kühle Nachtluft ein und nimmt schon ein wenig Abschied. Natürlich nicht für immer. Zum Pantanal hat es noch jeden zurückgezogen.
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