Warten auf den Mann fürs (Über)Leben. Ein Bericht über das Spix-Araprojekt. Von Thomas Arndt. In WP-Magazin (Juli/August/September Ausgabe, 1995) erschienen.



Tagsüber dürfte ihm noch etwas langweilig sein - dem Spix-Ara-weibchen, das nach monatelangen Vorbereitungen endlich Mitte März in die Freiheit entlassen worden ist. Eigentlich hätte es sofort auf den einzigen in Freiheit überlebenden Vertreter seiner Art treffen sollen, aber zum Leidwesen der Artenschützer ist es bislang noch zu keinem Rendezvous gekommen.

Der Grund: Spix-Aras haben einen festen Tagesrhythmus; sie fliegen fast immer die gleichen Routen, halten sich zu bestimmten Zeiten auf denselben Bäumen auf oder schlafen nachts an den gleichen Plätzen. Das ist auch bei den beiden so, aber leider bevorzugt das Weibchen eine andere Streckenführung als das Männchen. Obwohl das von den Aras als Lebensraum genutzte Gebiet entlang des Arroio-Grande Flusses in der Nähe des brasilianischen Städtchens Curaçá gerade einmal 70 km lang und 15 km breit ist, fliegen die zwei mit schöner Regelmäßigkeit aneinander vorbei.

Daß sich das ändern wird, davon ist Marcos Da-Ré, der verantwortliche Biologe für das Spix-Araprojekt, überzeugt. Im September, kurz vor Beginn der Brutzeit, so vermutet er, werden beide ihre Route ändern und endlich aufeinander treffen.

WP-Magazin-Herausgeber Thomas Arndt und unser Redaktionsmitglied Tony Pittman haben das Spix-Araprojekt Mitte April besucht und interessante Aufnahmen von den Vögeln mitgebracht. Zusammen mit dem Projektleiter Marcos Da-Ré durchstreiften sie den Lebensraum des hochbedrohten Aras, den illegale Fänger in den 80er Jahren an den Rand der Ausrottung gebracht hatten. Als 1985 der schweizer Biologe Paul Roth nach der Art forschte, waren nur noch fünf Vögel übriggeblieben, ein Jahr später wurden zwei weitere weggefangen, und bei einer Überprüfung im Juli 1990 stand fest: Nur noch ein Ara war im Freiland verblieben. Nachdem schnell ein Zuchtprogramm fur die sich in Gefangenschaft befindlichen Vögel ins Leben gerufen worden war, ging man 1991 daran, den Überlebenden im Freiland zu beschützen und die Wiederausbürgerung von Spix-Aras vorzubereiten.

Um so aufregender war es nun fur die beiden Papageien-Spezialisten unserer Redaktion, das Gebiet zu besuchen und als eine der ersten das freigelassene Spix-Araweibchen in seinem wiedergewonnenen Lebensraum zu beobachten. Das hielt sich zwar am ersten Tag bedeckt, doch dafür bekamen die zwei das freilebende Männchen mit seiner (Noch-) Lebenspartnerin, einem Rotrückenara-Weibchen, zu Gesicht. Beide hatten sich am späten Nachmittag auf einem hohen Craibeira-Baum niedergelassen und sich durch ihr Rufen verraten. Dort turnten sie in den Zweigen umher. Wie mißtrauisch die beiden Aras aber mittlerweile gegen Menschen sind, bekamen Thomas Arndt und Tony Pittman ebenfalls demonstriert: Als sie versuchten, näher an die Vogel heranzukommen, flogen diese kurzerhand davon.

Der Ausgleich kam aber am nächsten Morgen: Zusammen mit Marcos Da-Ré hatten die WP-Magazin-Redakteure die Projektstation gerade erreicht, als sie schon das ausgewilderte Weibchen entdeckten. Es besuchte dort ein Spix-Aramännchen, das man vorsichtshalber als Lockvogel in einer kleinen Voliere hielt, um das Weibchen an das Gebiet zu binden. Nun saß es gerade auf dem Flugkäfig und ließ sich anstandslos fotografieren. Nachdem es von dem bereitgestellten Futter probiert hatte, flog es laut rufend davon und ließ sich 400 m von der Station entfernt in einem Busch zum weiteren Fressen nieder. Sehr zur. Freude unseres Redaktionsteams kehrte es kurze Zeit später zurück, um sich erneut ablichten zu lassen.

Die Spix-Aras werden neben dem Können und der Erfahrung Marcos Da-Ré's und der am Projekt beteiligten Züchter auch noch eine gehörige Portion Glück brauchen, bis ihr Überleben in Freiheit garantiert ist. Wir wünschen ihnen, daß sie das haben werden.

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