5 Minuten vor 12 für den Spix-Ara Cyanopsitta spixii Von Thomas Arndt, Anton Sojer, Dr. Hans Strunden, Roland Wirth. In "Gefiederte Welt" (Ausgabe 12/86) veröffentlicht



Innerhalb weniger Jahre wurde der einzige Vertreter der Gattung Cyanopsitta durch den illegalen Handel bis auf einen Rest von drei wildlebenden Tieren vernichtet und steht damit unmittelbar vor der Ausrottung.

Der vorliegende Bericht soll dazu dienen, das Wissen um den Ernst der Lage, in der sich der Spix-Ara befindet, einem möglichst großen Kreis von Personen nahezubringen, der die Möglichkeiten besitzt, zur Erhaltung der Art beizutragen.

Noch ist dies möglich und ein Aussterben kann verhindert werden. Allerdings ist ein schnelles Handeln gefordert, damit der Spix-Ara nicht dasselbe Schicksal erleidet wie der Kuba-Ara (Ara tricolor), der heute nur nach von Museumsbalgen und illustrationen her bekannt ist.

Die genaue Kenntnis der katastrophalen Situation des Spix-Ara ist Dr. Paul Roth, Universidade Federal do Maranhao, São Luis, Brasilien, zu verdanken, der im Juni/Juli 1985 und April und Juni 1986 mit Unterstützung des ICBP (International Council for Bird Preservation) und des IBDF (Instituto Brasileiro de Desenvolvimento Florestal) Feldstudien durchführte. Nachfolgend geben wir eine Kurzfassung seines mündlichen Berichtes vom Juli 1986 in München.

Spix-Aras sind sehr "konservative" Vögel, d. h., sie suchen immer die gleichen Plätze und Schlafbäume auf, und die Flugstrecken, die sie zurücklegen, unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. Über viele Jahre hinweg werden auch immer wieder die gleichen Brutbäume verwendet. Diese Verhaltensweisen stellten sich fur diesen Ara als sehr verhängnisvoll heraus, da diese "Gewohnheiten" natürlich den Fang sehr erleichterten.

Die letzten drei noch in Freiheit vorkommenden Vögel leben entlang eines Galeriewaldes in der Nähe von Curaçá/Nordbahia. Das heutige Vorkommen (wenn man bei drei Tieren überhaupt noch davon sprechen kann) ist identisch mit dem Gebiet, in dem Spix 1819 das Typenexemplar sammelte.

Der Lebensraum des Spix-Aras wird durch die sog. Caatinga-Vegetation charakterisiert. Dabei herrschen Euphorbien (Jatropha und Cnidoscolus) vor. Andere typische Pflanzen sind der Craibeira-Baum (Tabebuia caraiba), der Catingueira-Baum (Caesalpiniasp.), der Joazeiro Baum (Zizyphus joazeiro) und verschiedene Kakteen. Dieser Vegetationstyp ist etwa 100 km zu beiden Seiten des São Francisco-Flusses zwischen Remanso und Oroco zu finden. Besonders auffallend im Lebensraum des Spix-Aras sind die vielen Creeks, die zum Teil nur in der Regenzeit Wasser führen und mit alten Craibeira-Bäumen gesäumt sind.

Palmenhaine und Fruchtstände der Buriti-Palme, die nach Literaturangaben von den Spix-Aras aufgesucht werden, fehlen in dieser Region völlig. Spix-Aras ernähren sich hauptsächlich von Früchten und Samen verschiedener Pflanzen, wobei "Favela" (Cnidoscolus phyllacanthus) und "Pinhão" (Jatropha sp.) den wesentlichen Teil ausmachen. Das Nahrungsangebot ist reichlich und auch in extremen Trockenzeiten verfügbar.

Spix-Aras brüten in der Zeit von November bis März. Dabei werden Bruthöhlen (in die kein Substrat eingetragen wird) in den "Craibeira"-Bäumen bevorzugt. Die jeweils 2-3 Jungen einer Brut haben gegenüber anderen Aras einen relativ kleinen Kropf. Dadurch müssen die Alttiere in kurzen Intervallen füttern.

Während seiner ersten Reise durch weite Teile der Staaten Maranhão und Piauí gelang es Roth nicht, Spix-Aras zu sichten. Viele Nachfragen bei der Bevölkerung, aber insbesondere bei Tierhändlern und Fängern führten ihn schließlich auf die richtige Spur. Einer von ihnen zeigte Dr. Roth sogar ein Foto, auf dem der Fänger mit gerade dem Nest entnommenen Jungvögeln abgebildet war.

Bei der Nachfrage nach den Spix-Aras zeigte sich jedoch immer deutlicher, daß die Curaçá-Population, die wohl aus nie mehr als 60 Vögeln bestand, besonders in den Jahren ab 1980 gnadenlos geplündert wurde. Nachdem sich die Fänger Anfang der 80er Jahre damit begnügten, Jungvögel zu fangen, wurden z. B. durch eine "Fänger-Familie" aus Floriano, die sich auf den Handel mit dem Spix-Ara "spezialisiert" hatte, drei Jung- und sieben Alttiere auf einmal gefangen. Zusätzlich wurde der Bestand durch "Sportschützen" und durch eine aus Afnka eingeschleppte Bienenart, die wohl auch einige Jungvögel tötete; belastet. Eine akute Gefährdung der Population ging jedoch von diesen beiden letztgenannten Faktoren zu keiner Zeit aus. Die "Floriano Fänger" aber hatten "gründlich" gearbeitet: Sie ließen ganze fünf Spix-Aras zurück.

Welchem Druck diese Art unterliegt, zeigt ein Vergleich mit Preisen, zu denen in Brasilien z. B. der Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) gehandeit wird. Dieser Ara ist für lächerliche 50 US-Dollar zu bekommen. Für den Spix-Ara hingegen wurden 1984 bereits in Brasilien 2000 US-Dollar erzielt.

So verwundert es nicht, daß auch die verbleibenden Vögel nicht in Rühe gelassen wurden: Als Roth 1986 erneut das Gebiet besuchte, fand er nur noch drei Spix-Aras vor. Seit seinem Besuch im Jahre 1985 wurde ein weiteres Brutpaar weggefangen. Nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, daß Roth wenigstens die letzten drei Vögel beobachten und in eindrucksvollen Fotodokumenten festhalten konnte. Im Februar 1986 hatte eines der beiden Weibchen mit dem Bruten begonnen, als ein Fänger versuchte, die drei Aras, die jetzt eng zusammenhielten, auf einmal in ihrer Bruthöhle zu fangen. Die Vögel konnten durch eine zweite Öffnung im Brutbaum entkommen. Ein zweiter Brutversuch an anderer Stelle endete auf ähnliche Weise.

Durch eine großzügige Spende eines deutschen Arztes ist es der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e. V., München, möglich, die Bemühungen Roths nun auch finanziell zu unterstützen. Ein Teil des Betrages wird fur die Bewachung der letzten drei Tiere eingesetzt. Vielleicht gelingt es dadurch, diese noch einige Zeit zu erhalten, um ihnen doch noch ein erfolgreiches Bruten innerhalb ihres Lebensraumes zu ermöglichen, der nach wie vor intakt ist. Der überwiegende Teil der finanziellen Mittel dient dazu, eine eventuell doch noch vorhandene weitere Population vor den Fängern ausfindig zu machen. Nur so könnten für diese Tiere rechtzeitig Schutzmaßnahmen getroffen werden.

Es besteht zumindest eine kleine Chance, daß noch weitere Spix-Aras existieren, da ein relativ großes Gebiet noch nicht eingehend untersucht wurde. Wenn man aber die Intensität berücksichtigt, mit der dem Spix-Ara seit Jahren in krimineller Weise nachgestellt wird, darf man nicht sehr optimistisch sein. Die einzige Chance fur das Überleben dieser Art ist deshalb ein Zuchtprojekt mit den in Gefangenschaft gehaltenen Spix-Aras.

Bislang scheiterten Roths Bemühungen in Brasilien an der egoistischen Haltung der Besitzer, die diese Vögel hauptsächlich als Prestige-Objekt betrachten. Allein in Brasilien werden nachweislich mindestens 20 Spix-Aras gehalten, wovon sich drei Vögel im Zoo São Paulo und weitere neun bei Privatleuten in São Paulo befinden. Aus Rio de Janeiro sind weitere drei bekannt, und vier Tiere existieren in Recife. Daneben haben es außerhalb Brasiliens folgende Personen bzw. Institutionen in der Hand, ob der Spix-Ara überlebt:
Vogelpark Walsrode (Bundesrepublik Deutschland) - 4 Vögel
Loro Parque, Tenerife (Spanien)-2 Vögel
Zoo Neapel (Italien) -1 Vogel
Privathalter (Philippinen) - 4 Vögel
Weiter besteht die Möglichkeit, daß noch weitere Tiere in Portugal, Jugoslawien, Japan und in den USA existieren.

Oft scheitern alle Bemühungen, eine Art vor der Ausrottung zu bewahren, an den fehlenden finanziellen Mitteln oder am fehlenden Know-how, ein sinnvolles, zukunftsorientiertes Zuchtprojekt zu betreiben. Hier trifft das nicht zu. Bei allen Haltern handelt es sich um wohlhabende Institutionen und Privatleute.

Bereits heute werden weltweit eine Anzahl bis ins Detail geplanter Erhaltungszuchten für vom Aussterben bedrohte Arten durchgeführt. Diese Aktivitäten werden koordiniert durch die IUCN/SSC Captive Breeding Specialist Group (Arbeitsgruppe fur Gefangenschafts-Zuchtprojekte der Internationalen Union für Naturschutz) und der AAZPA (Amerikanische Vereinigung Zoologischer Garten und Aquarien).

Den Gremien, die diese Zuchtprogramme koordinieren und planen, gehören führende Zoofachleute, Genetiker, Tierärzte und mit den jeweils betreffenden Tierarten besonders vertraute Spezialisten aus vielen Ländern an. So ist gewährleistet, daß diese Zuchtprojekte unter optimalen Bedingungen durchgeführt werden können, da ein breites Wissen aus verschiedenen Fachgebieten bei der Planung und laufenden Betreuung des Projektes zur Verfügung steht.

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