Das Spixara-Erhaltungsschutzprogramm: Eine Erfolgsgeschichte. Text von Natasha Schischakin. In der Juni/September Ausgabe von Cyanopsitta, die Zeitschrift der Loro Parque Fundación veröffentlicht (Seite 18-29)



Der Spixara (Cyanopsitta spixii), der zu den weltweit bedrohtesten Tierarten gehört , war kürzlich Thema eines dreitägigen Treffens in Houston, Texas (30.9.- 02.10.99). Diese Papageienart ist beschränkt auf ein kleines Gebiet im Nordosten Brasiliens , in eine als „caatinga" bezeichneten Habitat (eine trockene Buschsavanne, die je nach Saison mit kleinen Bächen und Galeriewäldern durchgezogen ist), und galt noch vor zehn Jahren als in der Natur ausgestorben. Trotz allem scheint sich diese Art allmählich wieder zu erholen, dank der Bemühungen der brasilianischen Regierung sowie eines internationalen Komitees, das Spixara-Besitzer, regierungsvertreter, Artenschützer und Ornithologen als Mitglied miteinschliesst.

Mit nur einem einzigen in der freien Wildbahn lebenden Exemplar hängt das Überleben dieser Art vom Erfolg des Zucht- und Feldprogramms ab. Der weltweite Bestand der in Menschenobhut lebenden Tiere hat einen bedeutenden Anstieg erfahren von einst 11 auf heute 60 Vögel (darunter 54 Nachzuchten); neue Halter haben sich dem Programm angeschlossen, das Feldforschungsprogramm hat wertvolle Informationen uber die Evolution dieser Art und ihres Habitats in Erfahrung bringen können, ein vielversprechendes Projekt zur Involvierung der Gemeinde in die Artenschutzaktivitäten wurde gestartet, Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung des Habitats getroffen und grundliegende Forschungsarbeiten zur Entwicklung von Auswilderungstechniken von Psittaziden erfolgreich abgeschlossen. Der Fortschritt in den letzten zehn Jahre ist dramatisch.

Das Treffen im Zoo von Houston schloss ein Symposium ein mit dem Thema "Der Spixara - Erhaltung und Management einer bedrohten Papageienart", in welchem die Ergebnisse der letzten zehn Jahre in den Bereichen Feldforschung, Gemeindearbeit und Zucht vorgestellt wurden. Weiterhin fanden der 2. Workshop über Management und Zucht des Spixaras und auch das offizielle Treffen des Ständigen Ausschusses zur Rettung des Spixaras statt. Das Treffen betonte die Wichtigkeit der Zusammenarbeit aller Beteiligten in diesem Projekt, welches ein Beispiel internationaler Zusammenarbeit zwischen Privatpersonen und offentlichen Institutionen im Management bedrohter Arten darstellt.

Ungeachtet dessen zeichnen kürzlich in der internationalen Presse erschienene Schlagzeilen ein anderes Bild. In London titelte die Times "Sammler verschulden vielleicht das Aussterben des seltensten Papageis der Welt", und der World Parrot Trust schrieb in seiner August-Ausgabe des Magazins PsittaScene einen Artikel mit der Überschrift "Mehr über den Spixara", in welchem er behauptete, daß "die Spixara-Halter einfach nicht kooperieren wollen", und der weitere völlig unzutreffende Informationen beinhaltete. Die Leser dieser Schlagzeilen trifft keine Schuld, wenn sie dem Inhalt dieser Berichte Glauben schenken, da man davon ausgeht, daß es sich um verlässliche uänd anerkannte Informationsquellen handelt. Leider sind solche schlecht recherchierten Aussagen ein gefundenes Fressen fiir die Medien, tragen jedoch wenig zum Artenschutz bei. Schon mehrmals wurde der Spixara als politisches Werkzeug und für den Gelderwerb mißbraucht, und als Symbol eingesetzt dafür, wie die Vogelhaltung zum Niedergang solcher Arten beigetragen hat.

Wenn diese Schlagzeilen falsch sind, wie lautet dann die wahre Geschichte? Auf jeden Fall beinhaltet sie eine Menge harter Arbeit, sowohl was die Bemühungen im Feld als auch jene zur Sicherung des Bestandes der Art in Menschenobhut betrifft. Es ist ferner eine Erfolgsgeschichte einer, trotz großer Herausforderungen, einzigartigen Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor. Wie kommt man angesichts der erst kürzlich erschienenen Schlagzeilen zu einer solchen Behauptung? Schlichtweg mit Fakten und Daten.

Um die heutige Situation des Spixara-Rettungsprogrammes verstehen zu können, muss man in die späten 80-er Jahre zurückgehen, als lediglich eine Handvoll Ornithologen und Vogelzüchter bewusst wurde, daß diese Papageienart unbemerkt und leise von der Bildfläche zu verschwinden drohte. Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, wurde auf Initiative des Loro Parque (der ein Spixara-Paar in seiner Sammlung besaß) auf den kanarischen Inseln ein Treffen abgehalten; obwohl dieses Treffen nicht zum Durchbruch führte, so legte es doch den Grundstein für das zukünftige internationale Erhaltungsschutzprogramm. Der Schutzstatus des Spixaras war anlässlich der 1988 abgehaltenen Konferenz der inzwischen nicht mehr existierenden IUCN-SSC Parrot Specialist Group in Curitiba, Brasilien, Anlass vieler Diskussionen. Obwohl jeder von der Notwendigkeit eines Programms zur Rettung der Art sprach, war es angesichts der unterschiedlichen politischen und personlichen Interessen der Teilnehmer nicht möglich, sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise zu einigen. In jenem Treffen wurde weniger über konkrete Schritte zur Ausarbeitung des dringend benötigten Schutzprogramms verhandelt, als vielmehr über die Legalität einzelner, sich in Privatbesitz befindender Tiere diskutiert. Im Glauben, daß die wenigen in Brasilien und anderen Ländern der Welt in Menschenobhut vestreuten Vögel keinerlei Möglichkeiten zur Rettung des Spixaras boten, bezeichneten viele Ornithologen und Umweltschutzer die Art bereits als ausgestorben. Damals war es einfacher, Tierhandel und Vogelzucht für den Untergang des Spixaras verantwortlich zu rnachen, als eine wirkungsvolle Strategie zu seiner Rettung zu entwickeln.

Erst im Jahre 1989 startete das Erhaltungsschutzprogramm offiziell mit der Gründung der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA und einer Arbeitsgruppe, die den Schutzstatus der Art feststellen sowie der Regierung Empfehlungen zu ihrer Wiederansiedlung in der freien Natur geben sollte. Dies war eine neuer Ansatz fur die Regierungsbehörde, und die Arbeitsgruppe leistete damit Pionierarbeit. Als eines der ersten Mitglieder dieser ursprünglichen Gruppe war uns klar, daß die Situation mehr als kritisch war. In freier Wildbahn galt die Art als ausgestorben, und in Menschenobhut könnten weltweit (obgleich Gerüchte uber viele weitere kursierten) nur noch 11 Vogel aufgefunden werden.

Die Anweisung seitens der brasilianischen Regierung an die Arbeitsgruppe war nicht, die Art endgültig für ausgestorben zu erklaren, sondern im Gegenteil Strategien zu entwickeln, die zu ihrer Rettung in letzter Minute beitragen könnten. Dazu musste ein Zuchtprogramm für die wenigen restlichen Vogel in menschlicher Obhut geschaffen werden, was zunächst in einem ersten Schritt mit den in Brasilien vorhandenen Spixaras begonnen wurde. Dies war nicht einfach - zwar war jeder zu einer Teilnahme bereit, jedoch wollte keiner seinen Vogel aus der Hand geben. Kein einziger Vogel war bis dahin einer Geschlechtsbestimmung unterzogen worden, und manche wurden als Einzeltiere gehalten. Zum damaligen Zeitpunkt waren die brasilianische Regierung und die Vogelhalter widerwillig, Laparoskopien durchzuführen, da sie sie für zu risikoreich hielten.

Um dieses Problern zu lösen, unterstützten der 'Houston Zoo' und der `National Zoo' die Geschlechtsbestimmung der Spixaras in Brasilien durch eine Chromosomenanalyse - einer für alle Beteiligten akzeptable Methode. Nach Erhalt der entsprechenden CITES Dokumente und der Ausstellung der notwendigen Genehmigungen durch den USFWS und USDA (zum ersten Mal überhaupt gestattete man die Einführung von Papageien-Proben ohne vorherige Quarantäne oder Bestrahlung), sammelte ich Blut-und Federproben aller in Brasilien registrierten Vögel. Leider hatte ich nur 24 Stunden, um die Proben ins Labor zu bringen. Mit der Hilfe eines Vertreters des US State Department, der bei der Landung des Flugzeugs auf mich wartete um bei den Zollformalitäten behilflich zu sein, erreichte ich meinen Anschlussflug nach Miami und erreichte in weniger a1s 16 Stunden und ohne Schwierigkeiten das Avian Genetic Sexing Laboratory von Marc Valentine in Memphis. Endlich konnte das Programm gestartet werden.

Eine weitere Aufgabe der Arbeitsgruppe bestand in der Strukturierung des Ständigen Ausschusses. Jedermann war sich darüber irn klaren, daß hierfür alle internationalen Besitzer gewonnen werden rnussten, und daß diese Gruppe die Interessen aller an dem Programm Beteiligten zu vertreten hatte. Die brasilianische Regierung akzeptierte diese Empfehlungen und gründete im Jahre 1990 den "Ständigen Ausschuss zur Rettung des Spixaras". Dies war ein bahnbrechendes Ereignis, da sich die brasilianischen Behörden mit Zoovertretern, nationalen und internationalen Spixara-Besitzern sowie Ornithologen und Artenschützern vereinten, einzig mit dem Ziel, den Spixara zu retten.

Der neu gegründete Ausschuss konzentrierte sich weiterhin auf Notmaßnahmen zur Rettung der Art. Die Situation war bereits so kritisch, daß auch vormals undenkbare Ideen und Wege wie diskutiert wurden, so auch eine Amnestie für Spixbesitzer. Es wurde allgemein angenomrnen, daß manche Besitzer die Existenz ihrer Vögel geheimhielten, und aus Furcht vor gerichtlichen Schritten und der Gefahr von Konfiszierungen nicht bereit waren, dem Erhaltungsprogramm beizutreten. Es bestand daher die reelle Gefahr, daß solche Tiere einfach von der Bildfläche verschwinden und niemals in das Programm aufgenommen werden könnten. Im Jahre 1990 verabschiedete die brasilianische Regierung eine Amnestie für alle Spixara-Halter. Wenn auch diese Tatsache in einigen Kreisen (die nicht an dem Artenschutzprogramm teilnahmen) stark kritisiert wurde, so zeigte es doch den guten Willen der brasilianischen Regierung gegenüber den Haltern, um sie zu einer vollen Teilnahme am Projekt zu ermutigen. Dies war eine pragmatische Annäherung an ein gravierendes Problem und stellte die Erhaltung des Spixaras über alle politischen Interessen.

Einige Leute glauben unverändert, daß manche Spixara-Halter nur auf Grund der Amnestie mit dem Ausschuss zusammenarbeiten. Dies ist jedoch nicht korrekt. Alle dem Komitee untergeordneten Spixaras sind sowohl von der brasilianischen Regierung als auch von den jeweiligen Landesbehörden als legal anerkannt. Die sich in Brasilien befindlichen Spixaras sind Eigentum der Regierung, wie auch die 1997 von Loro Parque an die brasilianische Regierung übereigneten Vögel. Alle Besitzer haben sich damit einverstanden erklärt, ihre Tiere als Teil einer globalen Population unter die Aufsicht des Ausschusses zu stellen (dem sie auch angehören). Leider konnten innerhalb der sechs Jahre, in denen das Amnestiedekret gültig war, unter den geltenden Konditionen kein einziger neuer Besitzer für das Komitee gewonnen werden. Dutzende angeblich illegal gehaltener Spixaras stellten sich als "Phantome" heraus, die nie eindeutig lokalisiert werden könnten. Trotzdem hoffe ich weiterhin, daß wir noch unbekannte Vögel im "Untergrund" auffinden und in das Erhaltungsprogramm integrieren können.

Bald nach dem ersten Treffen des Ausschusses irn Jahre 1990 konnte in der Nähe der kleinen ländlichen Stadt Curaça im Nordosten Brasiliens ein letzter Spixara entdeckt (bzw. wiederentdeckt) werden. Eine von ICBP (jetzt BirdLife International) organisierte Expedition hatte dessen Aufenthaltsort mit der Hilfe des brasilianischen Ornithologen Carlos Yamashita, der Informationen über die Existenz des Vogels hatte, entdeckt. Obwohl dem Team die Gegend allgemein bekannt war, war es eine schwierige Aufgabe, ähnelte sie doch einer Suche nach der "Nadel im Heuhaufen". Glücklicherweise waren sie erfolgreich und konnten den Spixara finden. Die Euphorie über seine Entdeckung Spixaras schlug jedoch bald in Entsetzen um, als ICBP mittels einer großangelegten Pressekampagne, und unter Angabe des genauen Aufenthaltsorts des Vogels (mit einer Karte über die großen Straßen der Gegend), die Welt über diese Entdeckung in Kenntnis setzte. Die brasilianische Umweltbehorde fürchtete, daß, die Veröffentlichung solch detaillierter Ortsangaben für diesen unschätzbar wertvollen Vogel gefährlich sein würde. Das Gebiet war damit nicht nur für neue Wilderer offen, sondern auch für solche, die glaubten, sie könnten an schnelles Geld kommen, oder auch für eine fehlgeleitete Seele, die sich "den Letzten" holen wollte. Die Behörden mühten sich, den Schutz des einzelnen Vogels zu gewährleisten. Sie mussten jedoch schnell feststellen, daß die gewaltige Größe seines Aufenthaltsgebiets, es nahezu unmöglich machte, ohne Unterstützung der ortlichen Gemeinden einen sicheren Schutz zu gewährleisten. Glücklicherweise war dieses letzte Tier schlau genug, dem Fang zu entgehen - was den Mythos entstehen ließ, daß er übernatürliche Kräfte besäße.

Die Wiederentdeckung dieses letzten Spixaras brachte fur die Artenschutzbemühungen eine neue Dimension, bot es doch die einzigartige Gelegenheit, mehr über die natürliche Lebensweise der Art in Erfahrung zu bringen. Es brachte ferner eine Feldkomponente in das Erhaltungsschutzprogramm, das sich bisher auf den Bestand in Menschenobhut konzentriert hatte. Obwohl hinterfragt worden ist, welchen Wert das Studium eines einzelnen Exemplars besäße, können wir bestätigen, daß die erhaltenen Informationen von unschätzbarem Wert sind. Seit 1991 ist ein Feldbiologe permanent in der Gegend stationiert, der wertvolle biologische Daten über diesen letzten Spixara sammelt: Details über seine täglichen Flugrouten, über seine Anpassung an Dürreperioden, sowie über Nahrungsgewohnheiten und Habitatnutzung. Ferner konnten historische Daten über Bestandszahlen, Verbreitung, Wilderei und Lebensraumzerstörung gesammelt werden. Die Forschungsarbeiten belegten, daß, der Spixara ein großes Gebiet beansprucht, und daß er in Abhängigkeit von der Jahreszeit zur Nahrungsaufnahme unterschiedliche Habitatinseln aufsucht. Die Beobachtungen der Brutversuche des Spixaras mit einem Rotrückenara (Ara maracana) schließlich lieferten Details zu seinem Nistverhalten.

Die von dem wildlebenden Vogel erhaltenen Informationen haben es den Forschern erlaubt, sich ein genaueres Bild über die früheren Bestandszahlen der Art zu machen. Manche haben behauptet, daß der einstige Bestand des Spixaras in die Tausende ging, jedoch gibt es keine Hinweise, die diese Behauptung belegen könnten. Spix selbst bezeichnete die Art in seinen Feldnotizen als "gesellig und selten", als er im Jahre 1819 das Belegexemplar sammelte. Es handelte sich dabei um einen Jungvogel, der 1832 von Wagler als Cyanopsitta spixii beschrieben wurde, und der das einzige aus der freien Natur entnommene Museumsexemplar der Art darstellt (alle anderen entstammen aus Sammlungen in Menschenobhut). Eine solch kleine Population lief jedenfalls große Gefahr auszusterben, und der illegale Fang für den Vogelhandel (größtenteils veranlasst durch einen berüchtigten Mittelsmann aus einer nahegelegenen Stadt, von dem die Regierung annimmt, daß er nunmehr die Wildereiaktivitäten der Lear-Aras koordiniert) verursachte den letztendlichen Zusammenbruch des Bestands in freier Natur. Auch wenn niemand bestreitet, daß der illegale Handel die Art an den Rand des Aussterbens gebracht hat, so ist dennoch anzunehmen, daß der Verlust des natürlichen Lebensraums in einer seit 500 Jahren vom Menschen besiedelten Gegend in erster Linie für den ursprünglichen Niedergang der Art verantwortlich zeichnet.

Die Feldforscher sind der Meinung, daß der Bestand von Spixaras in der Gegend um Curaça im letzten Jahrhundert wahrscheinlich nicht mehr als 60 Vogel umfasste. Diese Schätzung ist aus Habitatanalysen und Gesprächen mit älteren Gemeindemitgliedern abgeleitet, und stellt im Hinblick auf das Erhaltungsschutzprogramm eine bedeutende Zahl dar: das Spixara-Zuchtprogramm umfasst mittlerweile ebenfalls 60 Vogel - und damit dieselbe Zahl wie die historische Population in freier Wildbahn.

Der erste Feldbiologe des Projekts, Marcos Da Ré, erkannte gleich nach seiner Ankunft im Gebiet, daß er den letzten Spixara aufgrund seines großen Aufenthaltsgebiets unmöglich alleine erforschen konnte. Er bat somit die Gemeinde und vor allem die im Gebiet ansässigen "vaqueiros" oder cowboys um Hilfe, um der Spur des Spixaras zu folgen. Diese Strategie hatte den zusätzlichen Vorteil, daß durch die Miteinbeziehung der Einheimischen in das Projekt ihnen Informationen aus erster Hand über die Seltenheit und Bedeutung des Papageis vermittelt werden konnten. Viele von ihnen hatten den Vogel schon immer bemerkt, nun aber erhielten einige sogar Uhren, um die Dauer ihrer Beobachtungen messen zu können, und wurden so zu freiwilligen und wichtigen Mitarbeitern des Feldteams.

Als sie mehr über die Situation des Spixaras erfuhren, konnten viele von ihnen einfach nicht glauben, daß der Papagei bis auf ein letztes Exemplar verschwunden war-sie konnten sich noch daran erinnerten, wie sich der Schwarm in den Bäumen entlang der Bachufer der Gegend zum Schlafen niederliess. Für sie war es eine unglaubliche Enthüllung, daß dies tatsächlich stimmte. Seither ist der letzte Spixara zu einem Teil ihrer Mythologie geworden, und sein Lebensweg wird häufig mit ihren eigenen Erfahrungen gleichgesetzt. In ihren Geschichten erzählen sie, daß der Spixara wie sie selbst harten Zeiten ausgesetzt war und sie überstanden hat. Er verlor seine Familie, überlebte die Wilderer und lebt immer noch in Freiheit - wie sie selbst ein wahrer Überlebenskünstler. Sie überstanden Dürre- und Hungerperioden, und haben Familienangehörige durch Tod oder Abwanderung in die Großstädte verloren, die Zurückgebliebenen aber halten weiterhin an ihrem traditionellen Lebensstil fest. Genauso wie der Spixara, der an seinem Gebiet und seiner Lebensweise festhält. Beide sind wahre Überlebenskünstler und sind durch ihr Leben in der Caatinga verbunden. Meiner Ansicht nach steckt ein grosser Anteil Wahrheit in dieser Geschichte.

Eine häufig gestellte Frage ist weshalb das Spixara-Programm so stark in der Gemeindearheit in Curaça engagiert ist, anstatt sich auf den Schutz des letzten Vogels zu konzentrieren. Sollten wir nicht eher Wächter anheuern und Zäune aufstellen? Die Antwort ist, daß Artenschutz immer und überall eine lokale Dimension miteinschließt - am Ende geht es stets um grundliegende Dinge wie die Versorgung der Familien, Nahrung und Unterkunft - eben das pure Überleben. Allen abstrakten Argumenten zum Trotz, ist es notwendig, eine sichere Basis für das Programm dort zu schaffen wo die Art überlebt - auch wenn wie im Fall des Spixaras nur noch ein einziges Exemplar übrig ist. Natürlich könnten wir diesen letzten Vogel in menschliche Obhut nehmen und die Rettung der Art in freier Wildbahn aufgeben, doch bliebe uns dann nur noch eine lebende Museumssammlung. Der Ausschuss aber hat sich zur Aufgabe gemacht, dieser Art einen Platz sowohl in der freien Natur als auch innerhalb der Gemeinde zu sichern.

Die Armut und die Härte des Klimas, die diese lebensfeindliche Region prägen, sind wichtige Faktoren, die bei der Durchführung des Feldprojektes täglich zu beachten sind. Die Unterstützung durch die lokale Bevölkerung bietet ein Sicherheitsnetz sowohl für den letzten Spixara als auch für alle Vögel, die in der Zukunft ausgewildert werden sollen. Der Fang eines Spixaras ist fur die Einheimischen undenkhar und zu einem kulturellen Tabu geworden - weder Stacheldrahtzaun noch bewaffnete Wächter hätten diese erreichen können. Das Programm für die Gemeinde entstand unter Beachtung grundlegender menschlicher Bedürfnisse und beinhaltete eine Kampagne zur Hungersbekämpfung, den Bau örtlicher Schulen und sogar die Restauration eines jahrhundertealten Theaters. Sicherlich sind dies nicht gerade die Programme, die wir bei Artenschutzprogrammen so gewöhnt sind.

Als das Feldprojekt begann, war es das Ziel, die Unterstützung der lokalen Gemeinde zu erlangen, und sie zu einer Zusammenarbeit zu motivieren. Kurz darauf kam es jedoch aufgrund einer längeren Dürrezeit in der Gegend zu einer Hungerkatastrophe, die die Bevölkerung im Gebiet des Spixaras besonders hart traf. Somit wurde es besonders schwierig, das Projekt wie bisher weiterzuführen. Wie konnten wir einen einzigen Vogel schützen, während die Menschen dahinstarben? Es gab nur eine Lösung, nämlich durch das Spixara-Programm den am meisten Leidenden Hilfe zu leisten.

In einer Kampagne, die von den Mitarbeitern von IBAMA in Brasilia koordiniert wurde, wurde der Nationalpark von Brasilia an Wochenenden der Öffentlichkeit zugängig gemacht, und bat anstelle des Eintrittsgeldes um eine Spende, die in einem Kilogramm unverderblicher Lebensmittel bestand. Diese freiwillige Aktion von Regierungsangestellten sammelte im Namen des Spixaras sieben Tonnen Grundnahrungsmittel, die von der Transportfirma eines der brasilianischen Spixara-Halters, Mauricio dos Santos, nach Curaça transportiert wurden. Dort wurden die Lebensmittel vom örtlichen Lehrerverband und den städtischen Privatschulen verteilt. Aufgrund dieser Hilfeleistung unterstützen viele Einheimische das Artenschutzprojekt nicht nur voll und ganz, sondern halten es dem Spixara zugute, daß sie und ihre Familien die Hungersnot überstehen konnten. Die Dürreperiode und die durch sie verursachten Leiden fügten dem Programm sehr realistische und düstere Seite hinzu, die die Komplexität eines solchen Artenschutz-Programmes klar aufzeigten.

Ein weiterer Punkt, von dem fast alle Familien auf dem Land betroffen waren, bestand in fehlenden Erziehungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Der Biologe Marcos Da Ré erkannte dieses Problem schon kurz nach dem Beginn des Feldprojektes. Erziehung wurde sehr geschätzt, und die Kinder der Gemeinde machten große Anstengungen zu Lernen; sie hinterlegten grosse Entfernungen zu Fuss, um zu den Häusern der "Landlehrer" (einheimische Frauen, die von der Erziehungsbehörde geschult worden waren, die Kinder bis ins vierte Schuljahr zu unterrichten) zu gelangen. Der Unterricht fand in winzigen Räumen in kleinen Hütten statt, oder draußen auf dem Hof. Obwohl sie sich anstrengten, konnten die Lehrerinnen den Kindern nicht viel beibringen, denn es gab so gut wie keine Bücher, und Schreibhefte. Bleistifte und andere Utensilien mussten geteilt werden. Da Ré entwickelte eine Lösung, die aus einer 50:50 Parnerschaft zwischen der Gemeinde und dem Projekt bestand: das Spixara-Projekt beschaffte die Materialien und die Einheimischen stellten die Arbeitskrafte zur Konstruktion einräumiger Schulhäuser, die sowohl den Kindern als auch als Gemeindezentren dienen würden. So startete das gemeinschaftliche "Landschulhaus-Programm", dem bald die erste "Ararinha Azul (Spix Ara)-Schule" entsprang. Sowohl der Houston Zoo als auch der Santa Ana Zoo tragen zu diesem wegbereitenden Projekt bei. Wir hoffen, daß durch eine solche Grundbildung der Kinder sie in der Zukunft als gebildete Erwachsene die wenigen Ressourcen des Gebietes, einschliesslich des Spixaras, verwalten und schützen können. Dieses Engagement beweist, daß das Projekt kein Gegner, sondern ein Mitglied und Partner der Gemeinde ist.

Die Restaurierung des Theaters war ein weiteres außergewöhnliches Projekt, das dennoch von vielen Kreisen angegriffen wurde. Wie könnte die Restauration eines nahezu hundert Jahre alten Theaters in einer vergessenen, kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens zum Artenschutz beitragen`? Die Antwort lautet: beträchtlich. Es begann mit einer Reihe von Zufällen und Glück. Nach einem Treffens des Spixara- Ausschusses in Brasilien begaben sich viele Teilnehmer nach Curaça, wo die Gemeinde zu dem Anlass in einem heruntergekommenen, alten Theater im Zentrum der alten Stadt ein Theaterstück aufführte. Das Stück erzählte eine Geschichte aus der Sicht des letzten Spixaras. Mit Musik und Schauspielerei wurden die Ereignisse in seinem Leben untermalt, einschliesslich des Verlusts seiner "Familie" durch Wilderer, seine Einsamkeit, seinem Verlangen nach einem Partner (daher die Verpaarung mit dem Rotrückenara-Weibchen), sowie seiner Hoffnung auf eine Rückkehr seiner Partnerin in der Zukunft. Dieses Märchen endete mit einem kleinen, flaumigen kleinen Spixara, der neugierig aus der Nesthöhle herauslugt und dessen Eltern stolz über ihn wachen. Es war eine Geschichte voller Hoffnung und Erfolg - und eine aussagekräftige und bewegende Botschaft fur alle Zuschauer.

Die Bemühungen und der Zusammenhalt der Gemeinde beeindruckte jeden so sehr, daß Wolfgang Kiessling, vom Loro Parque in Spanien, eine Spende von Seiten der Loro Parque Stiftung zur Restaurierung des Theaters in die Wege leitete. Die folgenden Umbauarbeiten wurden zusätzlich mit Geldern und vor allem der Arbeitskraft der Gemeinde durchgeführt. Im Jahre 1996 waren die Restaurierungsarbeiten endlich abgeschlossen, gerade rechtzeitig fiir die Wiedereinweihung des "Raul Coelho-Theaters" anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums. Das Theater ist inzwischen zum Herz dieser kleinen Stadt geworden, sowie zur Kulisse für viele Ereignisse und Festivitäten. Es erinnert die lokale Bevölkerung an die Bedeutung des Schutzprogrammes und der Notwendigkeit der Rettung des Spixaras.

Die Etablierung einer freilebenden Population von Spixaras war stets eines der Hauptziele des Erhaltungsschutzprogramms. Vor Beginn der Auswilderung einer solch kritisch bedrohten Art mussten jedoch vier wichtige Ziele erreicht werden:1 ) der Bestand der in Menschenobhut lebenden Tiere musste sowohl unter genetischen als auch demographischen Gesichtspunkten ein stabiles Niveau erreichen, um die Entnahme potentieller Zuchttiere zur Wiedereinbürgerung verkraften zu können; 2) Regeneration und Sicherung des Lebensraums; 3) eine Infrastruktur zur Realisierung der Auswilderung und zur Überwachung der freigelassenen Tiere; 4) die Entwicklung von Auswilderungsstrategien, die dem trockenen Lebensraum des Spixaras angemessenen waren.

Im Verlauf des Projektes riefen (und forderten) viele verschiedene Gruppen wiederholt nach einer sofortigen Ausbürgerung von aus Menschenobhut stammenden Spixaras-ohne zu verstehen, daß ein derart unüberlegtes Handeln die Rettung der Art in Gefahr bringen könnte. Solche Forderungen wurden häufig ohne Kenntnisse der Schwierigkeiten gestellt, die eine Auswilderung von Papageien mit sich bringt, sowie in Ermangelung jeder Vorstellung über den Status des in Menschenobhut lebenden Bestandes und der Verfügbarkeit von Vögeln für eine solche Auswilderung.

Ende 1992, nach beinahe zwei-jähriger Feldforschung, sponsorte der Ausschuss, in Zusammenarbeit mit der von Dr. Ulysses Seal geleitete IUCN-SSC Captive Breeding Specialist Group, einen Workshop zur Statusanalyse von Population und Lebensraum des Spixaras. Bei diesem Treffen wurde entschieden, daß der letzte überlebende Spixara nicht für das Zuchtprogramm eingefangen wurde, da er fur die Artenschutzbemühungen in freier Wildbahn von grösserer Wichtigkeit war. Die Forschungsergebnisse bewiesen eindeutig, daß seine Fähigkeit zum Überleben und seine Kenntnisse des Lebensraums ihn zu einem wichtigen potentiellen "Lehrer" fiir in der Zukunft ausgebürgerte Spixaras machten.

Nachdem die Entscheidung getroffen war, den letzten Vogel in der Natur zu belassen, wurde die Auswilderung eines zusätzlichen Spixaras in Betracht gezogen. So wurde der in Menschenobhut lebende Bestand genau untersucht, um einen geeigneten Partner auszumachen. Unter allen Vögeln erfüllte nur ein einziges Weibchen die notwendigen Voraussetzungen, die sie zur besten (und einzigen) in Frage kommenden Kandidatin machten. Es handelte sich um den letzten Vogel, der - als bereits ausgewachsenes Tier - eingefangen worden war. Gemäss Informationen von lokalen Vogelfängern, wurde sie während der Brutzeit auf ihrem Nest gefangen (wobei ihre Eier zerstört wurden). Sie befand sich in der Zuchtanlage Chaparral in Recife, Brasilien, und war mit einem Männchen des São Paulo Zoos verpaart. Trotz augenscheinlicher Kompatibilität hatte dieses Paar wenig Brutaktivität gezeigt. Es wurde beschlossen, diesen einzelnen Vogel wiederauszubürgern, da sie vermutlich die größte Erfahrung und damit Überlebenschancen besaß. (Nach der Freilassung wurde ein nachgezüchtetes Weibchen von Birds International Inc., Philippinen, nach Brasilien gebracht und mit dem einzelnen Hahn verpaart.)

Obwohl nun das Weibchen, welches ausgewildert werden sollte, gefunden war, blieb noch eine weitere wichtige Frage zu klären: das Geschlecht des letzten wilden Spixaras. Aufgrund seines Verhaltens gingen die Feldbiologen davon aus, daß es sich um ein männliches Tier handelte. Doch ist jedem, der mit Papageien arbeitet, bekannt, daß gleichgeschlechtliche Verpaarungen keine Seltenheit sind und das Verhalten nicht immer ein guter Indikator ist. Zur Geschlechtsbestimmung des letzten Spixaras unter Anwendung der verfügbaren Methoden bedeutete, einen sehr scheuen Vogel fangen zu müssen, der alle Wilderer hatte austricksen können. Um den Vogel nicht durch den Stress des Fanges zu gefährden, wurde beschlossen, nach einer Methode zu suchen, die den Fang nicht notwendig machte. Eine mögliche Technik bestand in der, sich noch in der Entwicklungsphase befindlichen, DNA-Analyse von gemauserten Federn. Hierfür konnte Dr. Griffiths von der Universität Oxford in England gewonnen werden, der schließlich diese Art der Geschlechtsbestimmung perfektionierte. So wurden von den bekannten Nist- und Schlafstellen des wilden Spixaras Federn gesammelt und zur Analyse nach England geschickt. Nach nahezu zwei Jahren bekamen wir im Jahre 1995, gerade rechtzeitig vor der geplanten Auswilderung des Weibchens, die langersehnte Antwort - der letzte freilebende Spixara war zweifellos ein Männchen! (Anm.: Dr. Griffiths veröffentlichte später seine Ergebnisse in der angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift Nature. Diese DNA-Geschlechtsbestimmungsmethode, die ursprünglich zur Bestimmung des letzten freien Spixaras entwickelt wurde, wird heute routinemäßig in der Vogelzucht verwendet).

Als das wildgeborene Weibchen zur neu konstruierten Auswilderungsanlage gebracht wurde, wussten wir damit bereits, daß sie die Gelegenheit haben würde, sich mit einem Männchen zu verpaaren. Sie verbrachte über sieben Monate in dieser Anlage und konnte sich in dieser Zeit an die neue Umgebung, Nahrung und langen Flüge gewöhnen. Die Feldforscher waren erstaunt über die Leichtigkeit, mit der sie sich an die angebotene natürliche Nahrung anpasste (schon beim ersten Versuch öffnete sie geschickt die ihr vorgesetzten Nüsse), sowie über ihr offenbar angeborenes Feindabwehrverhalten. Alle hatten das Gefühl, daß in ihr die richtige Wahl getroffen worden war und sie sich besser als erwartet ihrer neuen Umgebung angepasst hatte.

Nach ihrer Freilassung konnte sie das Feldteam während zweier Monate beobachten. Sie hatte sich aussergewöhnlich gut adaptiert und folgte dem Männchen während des zweiten letzten Monats problemlos. Beide schienen sehr kompatibel und wurden häufig bei der gegenseitigen Gefiederpflege beobachtet. Es schien als ob sie allen Widrigkeiten zum Trotz in der freien Natur überleben würde. Bis zu jenem Zeitpunkt las sich die Geschichte des letzten freien Spixaras und des ausgewilderten Weibchens wie ein Märchen, und schien der Handlung des wenige Jahren zuvor im alten Theater aufgeführten Stückes zu folgen. Die wahre Geschichte aber endete leider nicht mit einem flaumigen, blauen Jungtier, das aus dem Nest herausblickt. Denn ganz unerwartet verlor das Feldteam über Nacht ihre Spur. Ihr plötzliches Verschwinden war nicht nur ein beträchtlicher Schock für das Feldteam, sondern auch fur die lokale Gemeinde und die auf nationaler und internationaler Ebene beteiligten Artenschützer. Erst im Verlauf der vergangenen Monate konnte das Feldteam glaubwürdige Belege dafür finden, daß sie durch einen Zusammenstoß mit den Hochspannungsleitungen, die das Auswilderungsgebiet durchziehen, ums Leben kam.

Obwohl die Auswilderung dieses Weibchens nicht die erhofften Ergebnisse brachte, so stellt sie doch einen bedeutenden Schritt innerhalb des Wiederausbürgerungsprojektes dar. Diese Erfahrung lehrte uns vieles an neuem Wissen, von dem folgende Auswilderungsprojekte profitieren konnten. Eine umfassende Infrastruktur sowie das Stationshaus waren gebaut und die Auswilderungsvoliere eingerichtet worden. Die Strategie zur Wiedereinbürgerung dieser Art in freier Wildbahn basierte nie auf der Vorstellung nur eines einzigen Brutpaares. Es handelte sich lediglich um einen ersten Schritt einer langfristigen Strategie, die eine periodische Aufstockung der freilebenden Population durch ausgewilderte Nachzuchten vorsieht. (Diese Strategie war anlässlich des Spixara-Workshops im Jahre 1992 definiert worden).

Seit diesem ersten Auswilderungsversuch hat das Feldteam zwei weitere umfassende Experimente durchgeführt. Das erste, immens wichtige Projekt wurde zur Erstellung des notwendigen Protokolls fur eine zukünftige Auswilderung von in Menschenobhut nachgezüchteten Spixaras durchgeführt. Hierfür wurden im Loro Parque in Spanien gezüchtete Rotrückenaras (sowohl Hand- als auch Elternaufzuchten) ausgewählt. Diese wurden zunächst unter Quarantäne gestellt und dann zur Eingewöhnung an den Lebensraum zur neuen Auswilderungsvoliere gebracht, wo man sie mit Radiosendern versehenen Halsbändern versah. Zahlreiche Probleme mussten bewältigt werden, so z..B. die unerwartete Zerstörung der Radiosender durch die Vögel selbst. Diese Erfahrung führte zu einer Änderung des Auswilderungsprotokolls, und zur Verwendung eines erfolgreich getesteten neuen Radiosenders, der an den Schwanzfedern befestigt wird. Im Dezember 1998 und Januar 1999 konnten schließlich neun Vögel in die Freiheit entlassen werden. Obwohl einer der Vögel nach einer Woche starb und ein zweiter kurz darauf spurlos verschwand, konnten sich die restlichen sieben Tiere jedoch gut an ihre neue Umwelt anpassen. Dies stellt eine hervorragende Überlebensrate für ausgewilderte nachgezüchtete Vögel dar, die sicherlich auf der ausgedehnten Adaptationsphase beruht. Ein Rotrückenparchen aus der Gruppe der ausgewilderten Tiere hat inzwischen ein Nestloch besetzt und brütet vielleicht schon in dieser Saison.

Das zweite vom Feldteam durchgefürte Projekt bestand in der Anwendung der in der Vogelzucht häufig angewendeten Aufzucht durch Adoptiveltern. Da der Spixara mit seinem Rotruckenara-Weibchen offensichtlich ein festes Paar bildete, das in jedem Jahr zur Brut schritt, konnte dieses Verhalten zugunsten des Erhaltungsschutzprojektes genutzt werden. Könnte man verfügbare Spixara-Eier nicht durch das hybride Paar aufziehen lassen? Dies bedeutet natürlich, daß die Brutzeit des Spixara-Paares mit jener des hybriden Paars übereinstimmen müsste ... aber das ist ein anderes Problem, an dessen Lösung wir gerade arbeiten. Bevor überhaupt an ein solch risikoreiches Vorgehen zu denken war, musste das Feldteam herausfinden, ob das hybride Paar in der Jungenaufzucht erfolgreich sein würde. Hierfür überwachte die Koordinatorin des Feldprogramms, Yara Barros, eingehend das Nest des Hybridpaares, um die Eiablage und den Brutvorgang zu bestimmen, una schließlich um die Eier gegen hölzerne Eier auszutauschen. Als der "Schlupftermin" näher kam, tauschte sie die Eier gegen frisch geschlüpfte Rotrückenara-Jungtiere aus, die einem nahegelegenen Nest entstammten, und imitierte somit die "natürliche" Brutperiode und Schlupfsequenz. Das hybride Spixara/ Rotrückenara-Paar zog die Jungtiere daraufhin erfolgreich bis zum Flüggewerden auf, was bewies, daß es in der Lage ist, die Rolle von Adoptiveltern junger Spixaras zu übernehmen. Eine der Befürchtungen war auch gewesen, daß diese Jungtiere auf Rotrückenaras geprägt und unter dieser Art nach Partnern suchen würden; allem Anschein nach aber haben die jungen Rotrückenaras viele der Eigenschaften des Spixaras angenommen, einschließlich seiner Verhaltensmuster und Lautäusserungen. Das Verhalten dieser jungen Rotrückenaras wird uns sicherlich noch mehr Information über die hier angewandte Methode der Aufzucht durch Adoptiveltern liefern.

Die Feldforschung, die Programme zur Aufklärung der Bevölkerung und die Entwicklung des Auswilderungsprogramms sind erfolgreich gewesen. Dennoch ist sich jeder darüber bewusst, daß die letztendliche Rettung des Spixaras in der freien Wildbahn vom Erfolg des Zuchtprogramms abhängt. Ohne eine ausreichende Anzahl von Vögeln wird eine Freilassung von zusätzlichen Spixaras in die Natur undenkbar sein. Das Spixara-Zuchtprogramm ist eines der wenigen derartigen Programme, bei denen der weltweite Bestand einer Art wie eine einzige Population koordiniert wird. In den letzten zehn Jahren wurden im Rahmen des Zuchtprogramms enorme Fortschritte gemacht, um unter Beachtung genetischer und demographischer Kriterien den Bestand von in Menschenobhut lebenden Spixaras zu vermehren. Zur besseren Koordinierung und Überwachung der anwachsenden Population schuf der Spixara-Ausschuss im Jahre 1993 eine Arbeitsgruppe fur das Zuchtprogramm, die von mir koordiniert wird.

Am Anfang standen uns nicht viele Optionen zur Verpaarung der Vogel zur Verfügung. Als der Bestand jedoch anstieg und einige ältere Vögel Tiere starben, mussten aus genetischen und demographischen Grunden Individuen zwischen den verschiedenen Institutionen ausgetauscht werden. Innerhalb der letzten zehn Jahre wurden Vögel von Birds International Inc. auf den Philippinen nach Brasilien und in die Schweiz gebracht, sowie von der Schweiz auf die Philippinen; ein Vogel wurde vom Vogelpark Walsrode zunächst nach Brasilien und dann später auf die Philippinen gesandt; insgesamt drei Exemplare wurden von den Philippinen nach Brasilien und zwei vom Zoo in São Paulo nach Spanien in den Loro Parque übergesiedelt. Dieser letzte Transfer war ein wichtiger Schritt, da die brasilianische Regierung den globalen Charakter des Arterhaltungsprogramms anerkannte, und zustimmte, in Brasilien gehaltene Vogel zur Sicherung der Zucht an eine internationale Institution zu senden. Um ein solches Austauschniveau zu erreichen, bedarf es einer guten Zusammenarbeit und grossen Vertrauens - was ohne die Unterstützung der Züchter, die mit den Spixaras in ihren Sammlungen die Zukunft der Art in den Händen halten, nicht hätte erreicht werden können.

Die Arbeitsgruppe hat bereits zwei Sitzungen Workshops abgehalten, die der Entwicklung angemessener Strategien fur das Zuchtprogramm dienten. Diesen Treffen wohnten sowohl alle am Zuchtprogramm beteiligten Parteien bei, als auch zusätzliche Berater, die diese Strategien sowie den Status des Zuchtbestandes bewerteten. Obwohl der Zuchtbestand eingehend überwacht wird, ist eine solche detaillierte Bewertung erforderlich, wenn die Population wächst und Jungtiere sich der Zuchtreife annähern. Der erste solche Workshop wurde im Jahre 1994 auf Einladung des internationalen CITES-Sekretariats gemeinsam mit der CITES-Konferenz in Fort Lauderdale (Florida) abgehalten. Während diesem Treffen konnte man sich, unter Berücksichtigung genetischer und demographischer Aspekte, erfolgreich auf die Koordinierung des Zuchtbestands einigen, was auch verschiedene Transfers zur Schaffung neuer Paare miteinschloss.

Der zweite Workshop zum Spixara-Zuchtprogramm wurde kürzlich in Houston, Texas, abgehalten, und konzentrierte sich auf die Entwicklung eines Plans für die Zuchtpopulation unter Evaluierung jedes einzelnen Individuums. Der Bestand in menschlicher Obhut umfasst nunmehr 60 Tiere, von denen 54 nachgezogen sind. Dies ist eine beachtliche Zahl, die weiter ansteigen dürfte, wenn die neuen jungen Paare zum ersten Mal brüten. Auch wurde die Notwendigkeit angesprochen, Vögel zwischen verschiedenen Institutionen auszutauschen, um zu vermeiden, daß der Bestand durch Katastrophen in den einzelnen Zuchtanlagen Schaden nehmen konnte. Diese Maßnahme wurde von Haltern innerhalb der Schweiz bereits durchgeführt. Durch die stetige Bestandszunahme konnte zum ersten Mal im Rahmen des Auswilderungsprogramms die Freilassung von aus der Zucht stammenden Spixaras in Erwägung gezogen werden. Im Laufe des Workshops konnten Empfehlungen zu neuen Verpaarungen und Transfers gemacht wie auch neue Forschungsprogramme angeregt werden, und es wurden die für das Auswilderungsprogramm bestgeeigneten Nachzuchten identifiziert.

Während des Houston Zoo Workshops wurde einä beispielhaftes Niveau der Zusammenarbeit aller Teilnehmer erreicht, eingeschlossen aller Ausschussmitglieder, Mitarbeiter und der eingeladenen Beobachter. Die Teilnehmerliste schloss mich selbst ein als Koordinatorin der Arbeitsgruppe für das Spixara-Zuchtprogramm, sowie: Antonio de Dios (Birds International, Inc., Philippinen); Wolfgang Kiessling (Loro Parque, Spanien); Luis Sanfilippo (São Paulo Zoo, Brasilien); Mauricio dos Santos (Criadouro Chaparral, Brazil); Roland Messer (Vertreter der Züchter aus der Schweiz); Dr. lolita Bampi (IBAMA, Brasilien); Carlos Yamashita (IBAMA, Brasilien; Pedro Scherer Neto (Brazilian Ornithological Society, Brasilien); Monica Koch (CEMAVE, Brasilien); Yara Barros (Koordinatorin des Spixara-Feldprojektes); Steffen Patzwahl (Parc Paradisio, Belgien; Yves de Soye (Loro Parque Fundación, Spanien); Friedrich Janeczek (europäischer Vertreter von Birds International, Inc.); Dr. Susan Clubb (Loro Parque, veterinärmedizinische Beraterin der AZA Ara-Gruppe); Robert J. Berry (AFA, USA); Dr. Richard Porter (IAS, USA); Lee Schoen (Houston Zoo, USA); Dr. Branson Ritchie (Universität von Georgia, USA); Dr. Darrel Styles (AFA Conservation Committee und AAV Aviculture Committee) and Laurie Bingaman-Lackey (AZA Small Population Management Advisory Group).

Das Treffen des Ständigen Ausschusses zur Rettung des Spixaras konnte erfolgreich die nächsten Schritte zur Durchführung des langfristigen Management-Plans festlegen, sowohl für das Zuchtprogramm als auch far die Feldarbeit. Die getroffenen Entscheidungen schließen den Erwerb von Land zur Errichtung einer ständigen Forschungsstation im Gebiet ein, sowie; die Ausdehnung der Gemeindearbeit und der Schul- und Erziehungsprogramme; die Identifizierung der Nachzuchten fur die Auswilderung; die Aufnahme in den Ausschuss der neuen Spixara-Halter; Maßnahmen zur Spendenbeschaffung und viele andere Projekte. Obwohl der Spixara noch weit entfernt ist von seiner Rettung, so ist der Bestand in Menschenobhut zum ersten Mal so weit gesichert, daß ein umfangreiches Auswilderungsprojekt in Betracht gezogen werden kann.

Zum Ende dieser Geschichte über das Überleben des Spixaras möchte ich meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß ich den Lesern nicht nur eine Übersicht über die Artenschutzbemühungen vermittelt habe, sondern auch einen Einblick in die mit diesem Projekt verbundenen Probleme und Konflikte habe geben können. Viele Menschen und Organisationen haben eine wichtige Rolle bei diesem Programm gespielt. Jedoch ohne die volle Unterstützung der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA, und der Arbeit und Leitung von Dr. Iolita Bampi, wären wir nie so weit gekommen. Sicherlich kann niemand behaupten, daß diese Papageienart schon vor dem Aussterben gerettet wurde; betrachtet man allerdings den Status vor nur zehn Jahren, so kommt man nicht umhin, mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft zu blicken.

Auf meinem Schreibtisch liegt eine kleine, blaue, flaumige Stoffpuppe, die einst der Hauptakteur eines Stückes war, welches die Geschichte des Spixaras erzählte. Es ist eine Erinnerung an ein Fest in einem heruntergekommenen, alten Theater in einer kleinen, ländlichen Stadt, und an eine Gruppe von Kindern, die in dem Stück mitspielten. Nach der Aufführung waren sie hinter mir hergerannt und gaben mir die Stoffpuppe, um mich daran zu erinnern, ihnen ein echtes Spixara-Junges zu bringen ... vielleicht sind wir nicht allzuweit davon entfernt, diesen Wunsch zu erfüllen.

Folgende Organisationen haben das Programm zur Rettung des Spixaras unterstützt:

Die brasilianische Umweltbehörde (IBAMA); Loro Parque Fundación; Ó Boticario Foundation; ASHOKA Foundation; Herbert Levy Institute; WWFBrasilien; Birds International, Inc.; BirdLife International; Houston Zoo; Grupo Relampago; AZA Brazil Conservation Action Partnership; Moulton Schule; Fundação Parque Zoologico de São Paulo; Santa Ana Zoo; Central Hydroelectric Company von Sao Francisco und noch viele Einzelpersonen, die am Projekt beteiligt sind.

In den Vereinigten Staaten arbeitet der Ständige Ausschuss zur Rettung des Spixaras mit der "American Federation of Aviculture" (AFA) zusammen, als auch mit der "International Aviculturists Society" (IAS), mit der "American Zoo and Aquarium (AZA) Brazil Conservation Action Partnership", und mit der "Houston Zoological Society" zur Erschliessung neuer Spendenquellen, die direkt in die einzelnen Projekte fließen sollen, zur Finanzierung von Feldforschung, Landerwerb, dem Bau neuer Schulen, Auswilderungs- und weiterer wichtiger Programme. Auf internationaler Ebene war die Loro Parque Fundación der Hauptsponsor der Feldforschungsarbeiten und spielte eine Schlüsselrolle zur Beschaffung von Finanzen fiir die Erhaltung dieser Art. Falls Sie daran interessiert sind, das Programm zur Rettung des Spixara zu unterstützen, kontaktieren Sie bitte eine dieser genannten Organisationen für weitere Informationen.

Literatur:

Barros, Y. M. (1999) "Conservation and Management of Spix's Macaw: Successful Experience of Parental Care in a Hybrid Couple". "Book of Abstracts", VI Neotropischer Ornithologischer Kongress, Oktober 4-10, 1999, Monterrey und Saltillo, Mexiko.

Collar, N.J., Gonzaga, L.P., Krabbe, N., Madrono-Nieto, L.G., Naranjo, T.A., Parker & Wege, D.C. (1992) "Threatened birds of the Americas". "The ICBP/IUCN Red Data Book", Cambridge: ICBP.

Juniper, A.T. and Yamashita, C. (1991 ) "The habitat and status of Spix's Macaw Cyanopsitta spixii, ". Bird Conservation International 1: 1-9.

Schischakin, N. (1999) "The Spix's Macaw (Cyanopsitta spixii) Studbook and Population Management Plan of the IBAMA Permanent Committee for the Recovery of the Spix's Macaw". Houston Zoological Gardens, Houston.

Sick, H. (1984) Ornitologia Brasileira, Uma Introdução. 3rd. ed. Editora Universidade de Brasilia, Brasilia.

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