Die Spix-Aras des Loro Parque, Tenerife. Ein Bericht von Diplom-Biologe Miguel Bueno, Tenerife, in der März 2000 Ausgabe (Seiten 84-89) von Papageien.



Keiner anderen Papageienart droht in ihrem natürlichen Lebensraum so unmittelbar die Ausrottung wie dem Spix-Ara (Cyanopsitta spixii), der vor über 150 Jahren in Brasilien entdeckt wurde. Nur ein Exemplar, ein Männchen, kommt derzeit noch in seinem Ursprungsgebiet im Norden des Bundesstaates Bahia vor. Seit 1987. als zwei der drei letzten wild lebenden Vögel gefangen wurden, ist es der einzige Repräsentant dieser Vogelspezies im Freiland.

Der wissenschaftliche Name des Spix-Aras Cyanopsitta spixii bezieht sich auf das auffällige hellblaue Gefieder des Vogels und auf seinen Entdecker, den berühmten Naturforscher Dr. Johann Baptist von Spix (1781-1826). Der Spix-Ara lebt ausschließlich in Buschwäldern mit großen Beständen des Caraiba-Baumes (Tabebuia caraiba), einem typischen Habitat der ariden Höhenlagen von Bahia, das Teil einer Vegetationsformation ist, die als "Caatinga" bezeichnet wird: ein lichter, offener, gelegentlich halbwüstenhafter Trockenwald mit mittelhohen Laub abwerfenden Bäumen, Dornbuschen und Sukkulenten. Die Spix-Aras nutzen die Bäume in dieser Region zum Nisten. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr von ihnen abgeholzt. Wenn man bedenkt, daß der Spix-Ara ein relativ kleines Verbreitungsgebiet hat, ist es nicht verwunderlich, dass er sehr empfindlich auf diese Verluste reagierte. Hinzu kam der illegale Fang fur den Vogelhandel. Der Spix-Ara stand bald kurz vor der Ausrottung. Zu Beginn der 90er Jahre ergab eine Studie, dass in Menschenobhut mindestens 27 Individuen existierten, zum Teil in zoologischen Garten, aber auch bei Privatpersonen; vierzehn Vögel waren Nachzuchten von Tieren, deren verwandtschaftliche Beziehungen unklar sind.

Unter der Leitung der Naturschutzbehörde der brasilianischen Regierung (IBAMA) starteten 1990 die Loro Parque Fundación, TRAFFIC und der International Council for Bird Preservation (ICBP), heute BirdLife International, eine Erhaltungszuchtinitiative für den Spix-Ara. In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Nationalregierungen wurde das Comite para Recuperação de Ararinha Azul (CPRAA), also das Komitee zur Rettung des Spix-Aras gegründet. Von Beginn an war die Loro Parque Fundación der wichtigste Geldgeber dieses Ausschusses.

Das Spix-Ara-Paar des Loro Parque zog 1992 einen weiblichen Jungvogel auf. Die Mutter starb noch im selben Jahr im November, so dass im Park noch zwei Vöge1 lebten, Vater und Tochter. Unter der Federführung der CPRAA wurden im Sommcr 1995 zwei erwachsene Vögel, ein Männchen (12 Jahre) und ein Weibchen (23 Jahre), von der Fundação Parque Zoologico São Paulo nach Teneriffa gebracht. Es war das erste Mal, dass die brasilianische Regierung eine Ausfuhr von Spix-Aras gestattete. So war es möglich, zwei potentielle Brutpaare zusammenzustellen. Um eine größtmögliche genetische Variabilität zu gewährleisten, wurden Vater und Tochter getrennt und paarweise mit den Spix-Aras aus Brasilien zusammengesetzt. Wir hielten die Vögel in der nicht-öffentlichen Zuchtanlage des Parks in großen Hängekäfigen, welche von üppiger Vegetation umgeben sind. In den Nachbarvolieren befanden sich überwiegend Paare der Gattung Ara. Die Spix-Aras, die sich im Loro Parque auf Teneriffa befinden, sind nach wie vor offizielles Eigentum der brasilianischen Regierung. Genetisch betrachtet ist die kleine Gruppe im Loro Parque die bedeutendste in Menschenobhut.

Nach drei Jahren ohne Bruterfolg bei beiden Paaren beschlossen wir im zweiten Halbjahr 1998, die Haltungsbedingungen zu ändern und die Vögel einer umfangreichen medizinischen Untersuchung zu unterziehen, in der nicht nur ihr allgemeiner Gesundheitszustand, sondern auch ihre Reproduktionsfahigkeit geklärt werden sollte. Bei den Weibchen wurde festgestellt, dass der ältere Vogel, von dem am ehesten ein Gelege zu erwarten war, einen verklebten Eileiter hatte, möglicherweise eine Folge früherer Ovulationen. Der Vogel war ansonsten in bester Zuchtreife und besaß zu diesem Zeitpunkt weit entwickelte Follikel im Ovar. Eine Endoskopie des zweiten Weibchens ergab. dass der Vogel trotz seines Alters von fast sieben Jahren noch nicht die Geschlechtsreife erreicht hatte.

Es begann nun eine kritische Zeit für die Spix-Aras, denn die geplanten Veränderungen in den Haltungsbedingungen konnten sowohl ein Stimulus fur die Fortpflanzungsaktivität sein als auch diese für lange Zeit unterbinden. Nach der (erneut erfolglosen) Brutsaison wurden die Paare im Oktober 1998 in zwei Volieren umgesetzt und die Nahrung neu zusammengestellt. Wir gingen davon aus, dass die erste Unterbringung fur einen Spix-Ara keine optimale Umgebung, also eine - wenn auch geringe - Form von Stress darstellte. Folglich blieben Brutversuche aus.

Das erste Paar, das Männchen des Loro Parque und das Weibchen aus Brasilien, verhielt sich jedes Mal sehr nervös, wenn sich eine fremde Person der Voliere näherte (lediglich der gewohnte Pfleger wurde toleriert). Die Vogel stießen dann laute und sich wiederholende Rufe aus, ein Zeichen hoher Aggressivität und Nervösitat. Das zweite Paar, das Männchen aus Brasilien und das Weibchen aus dem Loro Parque, verhielt sich ganz anders: Beide Vögel waren äußerst neugierig und flogen auch beim Auftauchen von Fremden zur Vorderseite des Käfigs, um die Besucher in Augenschein zu nehmen.

Die neuen Volieren befinden sich in einem isolierten Bereich der Zuchtanlage des Loro Parque. So werden Störungen durch benachbarte Vögel vermieden und der "Durchgangsverkehr" des Personals auf ein Minimum reduziert. Die neuen Haltungsbedingungen garantieren den beiden Spix-Ara-Paaren absolute Ruhe, ein Umstand, von dem wir uns den Bruterfolg erhoffen. Die neuen Volieren unterscheiden sich erheblich von den vorherigen: Sie sind 12 m lang, 2 m breit und 3 m hoch, mit einem Bodenbelag aus Kies und Pflanzen, die mit der Zeit die Wände überwuchern sollen. In dieser abgeschiedenen Umgebung ohne störende Einflüsse von außen schufen wir den Vögeln eine stressfreie Privatsphäre. Die Seitenwände und die Rückwand sind massiv. Ein Verbindungsfenster (1 m x 60 cm) zwischen den beiden benachbarten Volieren ermöglicht den Paaren neben den akustischen auch visuelle Kontakte, die wichtig sind, um die Vögel in Brutstimmung zu bringen. Die Vorderseite der Volieren besteht aus Maschendraht, das Dach aus zwei Lagen eines doppelten Nylongeflechtes und zwei quadratischen Uralitplatten (2 m x 2 m), welche den Vögeln schattige Rückzugszonen verschaffen.

Als Sitzäste wurden vier Balken aus Kiefernholz in einer Höhe von 1,5 m und 2 m an den Seitenwänden befestigt, die tieferen in der Mitte, die höheren im Vorder- und Hinterabschnitt der Voliere. Regelmäßig werden den Spix-Aras frische Kiefern- und Eukalyptuszweige angeboten. Diese werden in seitliche Halterungen an der Wand gesteckt. Beide Volieren werden rund um die Uhr von einer Videokamera an der Vorderseite der Anlage überwacht. Die neue Konstruktion enthält darüber hinaus eine Berieselungsanlage und verschieden gestaltete Nisthöhlen (die meisten von ihnen mit integrierten Infrarotkameras). Ihre Anzahl wurde von vormals drei auf fünf erhöht. Als neue Variante stand den Vögel nun ein hohler Palmenstamm zur Verfügung. Art und Ort der Anbringung der Kasten wurden bestmöglich variiert. Wir erhofften uns dadurch, bald ein klareres Bild von den Präferenzen der Spix-Aras bei der Auswahl der Nisthöhle zu erhalten.

Beiden Spix-Ara-Paaren boten wir einen senkrechten, hölzernen Nistkasten (80 cm hoch, 30 cm x 30 cm Grundfläche) mit einem Einschlupfloch von 10 cm Durchmesser und einer Kontrollklappe zur Nestinspektion an. Die Kasten befinden sich im hinteren Teil der Voliere, möglichst weit von der Futterstelle und dem Gang entfernt, den die Pfleger benutzen. Integrierte Kameras gestatten eine Überwachung des Innenraums. Diese Nistgelegenheiten wurden von beiden Paaren ignoriert. Zwei Meter vom ersten Nistkasten entfernt, aber ebenfalls an der Rückwand befindet sich eine zwei Meter hohe Naturstammnisthöhle aus einem Segment der Washingtonia-robusta-Palme. Vom oberen Teil des Stammes hatten wir eine 20 cm dicke Scheibe abgetrennt und als Deckel für die Nestkontrolle montiert. In Höhe des Höhlenbodens wurde eine Kamera in den Stamm integriert.

Der dritte Nistkasten hatte dieselben Ausmaße wie die beiden ersten, wurde jedoch in größtmöglicher Höhe, schräg und im Zentrum der Voliere befestigt. Ein Plastikdach schützte den Kasten vor Regen. Vor dem Schlupfloch wurde ein Sitzast montiert. innen befand sich eine Leiter, damit die Vogel leichter hinein und hinausklettern konnten. Auch dieser Kasten ist mit einer Infrarotkamera ausgestattet. welche einen Blick ins Innere der Bruthöhle ermöglicht. Die vierte, recht enge Bruthöhle befindet sich in einem kleinen Palmenstamm. Er wurde an der Vorderseite der Voliere in der Nähe der Futterstelle befestigt. Als fünfte Möglichkeit hängten wir in etwa 1,6 m Höhe noch einen großen Eukalyptus-Stamm mitten in der Voliere auf. Er enthielt zahlreiche natürliche Öffnungen, welche die Vögel reizen sollten, selbst eine Nisthöhle zu nagen. Leider waren die Vogel an keinem der fünf Angebote sonderlich interessiert. Als möglichen Grund erachteten wir die relativ geringe Anbringungshöhe der Kästen und Stämme.

Die Umstellung der Nahrung beinhaltete vor allem eine Vergrößerung des Angebots an Früchten und Gemüsen sowie gequollenen und gekeimten Samen. Vor allem von Letzteren erhoffte man sich einen positiven Einfluss auf Verhalten und Physiologie der Vögel, die nun - so unsere Überzeugung - ganzjährig mit den Nahrstoffen versorgt wurden, welche fur die Keimzellenreifung und die Stimulierung des Brutverhaltens der Aras unverzichtbar waren. Darüber hinaus wurden neben der täglichen Kornermischung Piniensamen, Haselnüsse, brasilianische Nüsse und in Stücke geschnittenes Kokosfruchtfleisch gereicht.

Die Veränderung im Verhalten der Spix-Aras waren zweifellos auf den stark eingeschränkten Kontakt der Vögel zu Besuchern zurückzuführen. Lediglich der Pfleger benötigte täglich noch einige Minuten, um die leeren Futterbehälter gegen frische auszutauschen. Es zeigte sich, dass die konsequente Abschottung der Spix-Aras von anderen Vögeln und Menschen der ausschlaggebende Wechsel in den Haltungsbedingungen war und den gewünschten Erfolg brachte. Natürlich darf man auch die übrigen Verbesserungen im Umfeld der Spix-Aras (neue, bepflanzte Volieren, Berieselungsanlage, neue Nahrungskomponenten) nicht in ihrer Wirkung unterschätzen. Es war bemerkenswert, wie sich das Verhalten der beiden Paare in den ersten Wochen nach dem Umsetzen in die neue Anlage veränderte. Die Vögel reagierten zunächst ganz anders, als wir es uns erhofft hatten. Die Nistkasten wurden nur sehr sporadisch inspiziert. Anstatt Interesse für die Bruthöhlen zu zeigen, hingen die Vögel oft am Gitter der Vorderwand und suchten den Kontakt zur Außenwelt. Daher verhängten wir die Vorderfront der Volieren mit einer Plastikplane. Danach waren die Vogel nicht mehr wiederzuerkennen. Sie hingen nun nicht mehr am Gitter, sondern erforschten ihr neues Zuhause und genossen die künstlichen Regenschauer. Darüber hinaus schienen die klimatischen Bedingungen auf Teneriffa in dieser Saison besonders günstig für eine Brut der Spix-Aras zu sein: geringer Luftdruck und bewölktes, regnerisches Wetter.

Mitte März 1999 zeigte das erste Paar großes Interesse an dem im Zentrum der Voliere montierten Nistkasten. Vor allem das Männchen begutachtete sehr intensiv die Nisthöhle und verbrachte zunehmend mehr Zeit in ihr. Es versuchte, mit seinem Schnabel den Innenraum zu vergrößern und beförderte die abgenagten Holzspäne aus dem Schlupfloch. Wir versorgten die Vogel mit Kiefernaststückchen als Nistmaterial, woraufhin die Tiere sofort mit der Bearbeitung der Nisthöhle begannen, ohne eine Ruhepause einzulegen. Das Paar zeigte nun eine starke Verbundenheit. Die Vogel flogen oft gemeinsam durch die Voliere, veranstalteten Rufkonzerte und pflegten sich gegenseitig das Gefieder. Wenn sich jemand der Voliere näherte, flogen sie gemeinsam auf direktem Wege zu ihrem Nistkasten - ein sicheres Zeichen, dass sie zu brüten beabsichtigten.

In der letzten Märzwoche verhielten sich die Aras deutlich ruhiger. Jetzt verbrachte das Weibchen mehr Zeit in der Nisthöhle und verarbeitete das zur Verfügung gestellte Nistmaterial. In dieser Zeit stellten die Vögel ihr Rufkonzert ein, es sei denn, es näherte sich jemand der Voliere. Am 29. März konnten wir auf dem Monitor erkennen, dass das Spix-Ara-Weibchen sein erstes Ei bebrütete. Sechs Tage später, am 4. April, entdeckten wir ein zweites Ei, am 5. April das dritte (Eimaße: 38,1 mm x 31,1 mm, 39,9 mm x 29,9 mm, 42,1 mm x 30,4 mm). Das Weibchen hatte nach dem Legen des ersten Eies mit dem Brüten begonnen. Das Männchen beteiligte sich nicht an dem Brutgeschäft, suchte aber regelmäßig den Kasten auf, um das Weibchen zu füttern.

Dieses verließ sein Gelege nur sehr selten, meistens in den frühen Morgenstunden, in denen es sich zusammen mit dem Männchen auf einem Ast in der Nähe der Nisthöhle ausruhte oder ausgiebig an der Futterstelle fraß. Danach verschwand es im Nistkasten, um das Brutgeschäft wieder aufzunehmen. Es wechselten sich Ruheperioden (in der Regel in der Nacht), in der das Weibchen auf dem Gelege schlief, mit aktiven Phasen ab, in denen es die Eier drehte und wendete beziehungsweise das pflanzliche Nistmaterial bearbeitete. Das Männchen suchte die Nisthöhle sehr häufig auf, um das Gefieder seiner Partnerin zu pflegen, sie zu füttern oder neben ihr zu schlafen. Die Nacht verbrachte das Männchen immer außerhalb des Kastens.

Wir beschlossen, die Eier des Spix-Ara-Paares gegen die Eier eines Paares der etwa gleich großen Rotrückenaras (Ara maracana) auszutauschen. Diese Art bewohnt denselben Lebensraum wie der Spix-Ara. Die Entscheidung, die Eier von bruterfahrenen Ammen ausbrüten zu lassen, beruhte auf der Auswertung der Videobilder, die ein zunehmend unruhiger und nervöser wirkendes Weibchen zeigten. Es bebrütete seine Eier nicht mit dem Bauchgefieder, sondern unter dem Kropf. Zudem verbrachte das Männchen viel Zeit im Nistkasten und behinderte seine Partnerin bei der notwendigen Bebrütung des Geleges. Das Weibchen stieß die Eier mit dem Schnabel an, um ihre Lage zu verändern - möglicherweise ein ganz natürliches Verhalten, aber auch ein großes Risiko, da dabei eines der wertvollen Eier beschädigt werden könnte. Da wir über das natürliche Brutverhalten der Spix-Aras nahezu nichts wussten, wollten wir kein Risiko eingehen. Darüber hinaus sollte das Brutgeschäft von einem erfahrenen Paar übernommen werden, das den Nachwuchs (zumindest einige Nestlinge) mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreich aufziehen wurde. Den Spix-Aras sollte im Gegenzug die Gelegenheit gegeben werden, das Großziehen von Nestlingen zu üben - ein Lernprozess von großer Bedeutung, da die Vögel so Verhaltensweisen trainieren können, in denen sie unerfahren sind. Sollten sich ihre Eier als befrüchtet herausstellen, bestand die Möglichkeit, den Altvögeln eines zu belassen oder, sofern die Eier unbefrüchtet waren, artfremde Nestlinge unterzulegen. Mit dieser Methode war gewährleistet, dass das Brut- und Aufzuchtverhalten der Spix-Aras mit der Videokamera erfasst und ausgewertet werden konnte.

In der Praxis ist die Entnahme von Eiern, ihr Transport zu einem anderen Nest und ihre Platzierung unter einem Ammenvogel ein schwieriges Unterfangen. Zunächst musste überprüft werden, ob die Rotrückenaras etwa zur selben Zeit wie die Spix-Aras ein Gelege gezeitigt hatten. Ein junges Weibchen hatte am 31. Marz ein Ei gelegt, es war jedoch ein sehr unerfahrenes Tier (es war sein erstes Gelege) und wurde daher nicht fur die Ammendienste in Anspruch genommen. Ein anderes Weibchen hatte am 5. April drei unbefrüchtete Eier im Nest, die es sehr gewissenhaft bebrütete. Zu diesem Zeitpunkt war etwa ein Drittel der Brutzeit verstrichen.

Wir beschlossen, die Zahl der Eier im Gelege der Spix-Aras um eines zu reduzieren. Denn wir hatten bei vielen Papageienarten die Erfahrung gemacht, dass das Weibchen - sofern die Entnahme unmittelbar nach der Ablage erfolgte - kurz danach eine weiteres Ei legte. Die Verkleinerung des Geleges scheint (zumindest bei vielen Amazonen) die erneute Eiproduktion anzuregen; diese Beobachtungen stützen eine Theorie, die besagt, dass es eine Mindestanzahl von Eiern gibt. Bevor diese nicht erreicht ist, erachtet ein Weibchen sein Gelege nicht als vollständig und setzt die Eiproduktion fort. Wir wollten diese Theorie testen.

Eine Inspektion des Spix-Ara-Geleges ergab, dass zwei Eier unbefrüchtet waren. Ob das dritte befrüchtet war, ließ sich anfangs nicht eindeutig feststellen. Die beiden zuletzt gelegten (ein unbefrüchtetes und das möglicherweise befrüchtete) tauschten wir gegen zwei Eier der Rotrückenaras aus. Drei Tage nach dem Transfer war sicher: Auch das dritte Ei der Spix-Aras war nicht befrüchtet. Das Weibchen saß weiterhin im Nistkasten. Es war immer noch sehr nervös, so dass es uns nicht überraschte, nach zwei weiteren Tagen das verbliebene Ei zerbrochen vorzufinden; es wurde umgehend entfernt, um eine Kontamination des Nests zu vermeiden. Nach der Zerstörung seines letzten Eies verließ das Spix-Ara-Weibchen die Nisthöhle und verbrachte längere Zeit im Freien. Wenig später suchte es den Kasten wieder auf und wirkte nun erheblich entspannter. In den nachsten Tagen kopulierten die Vogel häufig, wenn das Weibchen die Nisthöhle kurz verließ. Möglicherweise hatte das regnerische, bewölkte Wetter die Wiederaufnahme des Fortpflanzungszyklus angeregt.

Die zwei Eier des Folgegeleges wurden am 24. und 29. April gelegt (Eimaße: 39,1 mm x 29,5 mm, 38,0 mm x 31,0 mm). Das Weibchen bebrütete sie nun wesentlich besser als beim ersten Mal, als ob es aus den Fehlern beim ersten Versuch gelernt hatte. Leider waren auch diese Eier unbefrüchtet. Sie wurden am 10. Mai gegen befrüchtete Eier von Rotrückenaras ausgetauscht, die etwa zum selben Zeitpunkt gelegt worden waren.

Die Gesamtbrutdauer des Spix-Ara-Weibchens betrug 24 Tage. Die transferierten Eier waren bereits fünf Tage lang vom Rotrückenara-Weibchen bebrütet worden. Die Jungen schlüpften ohne Probleme am 13. und 17. Mai. Die Adoptiveltern fütterten ihren Nachwuchs gut. Die gesamte Aufzucht wurde mit der Video-Infrarotkamera aufgezeichnet, welche 24 Stunden am Tag lief. Als dieser Bericht geschrieben wurde, befanden sich die Jungvögel bei bester Gesundheit. Die ersten Federn brachen gerade durch die Haut.

Auch nach dem Umsetzen in die neue Voliere beachteten sich die Vogel des zweiten Spix-Ara-Paares kaum. Das Interesse des Männchens galt mehr dem Nachbarpaar als seiner "Partnerin". Man sah es häufig durch das Verbindungsfenster schauen. Es flog oft gegen das Käfiggitter an der Vorderseite, da es von früher her gewohnt war, mit den Vögeln außerhalb seiner Voliere Kontakt aufzunehmen. Das Weibchen suchte anfangs nicht die Nähe des Männchens. Nach einigen Wochen konnten wir jedoch feststellen, dass die Vögel zusammen fraßen, durch die Voliere flogen und ein charakteristisches Balzverhalten demonstierten: Begleitet von starken Pupillenkontraktionen wurden die Flugel ausgebreitet und schwungvoll auf und nieder bewegt. Wie beim ersten Paar ließ die Rufhäufigkeit bald nach, die Laute wurden hingegen rauer und durchdringender. Das Paar kopulierte nun oft und sehr lang, vor allem morgens und am frühen Abend. Das Weibchen wählte als Nistplatz den Palmenstamm aus, den es zwei Wochen lang zuvor mit seinem Partner ausgiebig bearbeitet hatte. Das Weibchen wartete morgens des Ofteren am Gitter auf seinen Pfleger, um sich uber die begehrte Nüssemischung herzumachen. Dann verschwand es wieder in seiner Bruthöhle. Bis heute hat es leider noch keine Eier gelegt.

Es hat sich herausgestellt, dass die Bereitschaft der Spix-Aras, zur Brut zu schreiten, maßgeblich von den Verbesserungen bei der Unterbringung und Fütterung der Vogel abhing. Ausschlaggebender Faktor war sicherlich das Umsetzen der Vögel in einen großzügig bemessenen, weitgehend störungsfreien Bereich der Zuchtanlage. Es ist für den Fortbestand des Spix-Aras vor allem aus genetischer Sicht sehr wichtig, dass zumindest ein Paar des Loro Parque seine Fähigkeit bewiesen hat, Junge aufzuziehen (wenn auch Nestlinge des Rotrückenaras). 1999 gab es weltweit 60 Tiere in Menschenobhut, darunter 54 Nachzuchttiere. Das hält die Hoffnung aufrecht, dass die Spix-Aras eines Tages wieder zurück in die Caraiba-Wälder kehren werden.

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