Brief von Roland Wirth an die Mitglieder der ZGAP

In der Mitgliederinformation der ZGAP im Oktober 1987 erschienen.

Liebe Mitglieder und Freunde der Zoologischen Gesellschaft,

gleich dreimal wird in dieser Ausgabe unseres Informationsblattes über den Spixara berichtet. Ist diese breite Raum für nur eine bedrohte Art gerechtfertigt? Wir meinen ja, denn zum einen zeigt es,an wievielen verschiedenen Fronten gekämpft werden muß, um eine hochgradig bedrohte Art zu retten,und zum anderen führen diese drei Berichte auch vor Augen, welch breitgefächerte Aktivitäten sich hier zwischenzeitlich entwickelt haben. Wir sind stolz darauf, dass entscheidende Impulse für die nun laufenden Maßnahmen von der Zool. Ges. für Arten- und Populationsschutz ausgingen, erkennen aber gleichzeitig an, dass all dies mit den beschränkten Geldmitteln unserer Gesellschaft unmöglich zu finanzieren wäre.

Zwar konnte Herr Thomas Arndt auf der kürzlich in Teneriffa stattfindenden Spixara-Tagung nochmals mehr als DM 3,000.- für die Freilandforschung von Herrn Dr.Roth im Namen der Gesellschaft übergeben, ein ähnlicher Betrag wurde jedoch auch vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) aufgebracht, und in erheblich größeren Rahmen wurden die Spixara-Tagung einerseits  und die Feldforschung andererseits von Hernn Wolfgang Kiessling, dem Eigentümer des Loro Parque in Teneriffa und vom World Wildlife Fund – US unterstützt . Anläßlich dieser Tagung übergab Herr Arndt auch noch DM 1,000.- an den ICBP, die wir aus Spenden für das Erhaltungsprojekt „Kaiseramazone“ zur Verfügung stellen konnten.

Es bedarf in diesem Zusammenhang der Erwähnung, dass sowohl die Nachforschungen von Herrn Vestner in Jugoslawien,wie auch die Teilnahme von Herrn Arndt auf der Tagung in Teneriffa, von den beiden Herren jeweils privat finanziert wurde,und das Konto der Gesellschaft nicht mit einem einzigen Pfennig belastet hat.

Da wir schon bei dem ledigen Thema Geld sind, sei auch die Feststellung erlaubt, dass der Vorstand und die - leider wenigen – zusätzlichen Helfer nach wie vor in ihrer Freizeit und vollkommen ehrenamtlich für den Verein arbeiten. Aus den Mitgliedsbeiträgen und Spendengeldern wird nahezu kein Geld für Verwaltungstätigkeiten abgezweigt, selbst die erheblichen Portokosten werden mit Ausnahme der Mitgliederinformations-Aussendungen privat getragen. Dieses Informationsblatt wird weitgehend in Eigenarbeit hergestellt, und so kommt es, dass Produktionskosten und Aussendung von ca.3 Mitgliederinformationen pro Jahr nur etwa 20% eines jeden Mitgliedsbeitrages ausmachen. Die restlichen 80% kommen praktisch uneingeschränkt den von uns geförderten Artenschutzprojekten zu. Bei einer Verdoppelung oder noch besser Verdrei- oder Vervierfachung unserer Mitgliederzahl würden sich die absoluten Kosten für die Mitgliederinformation nur unwesentlich erhöhen, so dass sich bei einer Vervielfachung unserer Förderer der prozentual pro Mitgliedsbeitrag eingesetzte Betrag, der direkt dem Artenschutz zukommt, sicherlich bis auf  90% steigern ließe.

Bei einer erheblichen Steigerung der Mitgliederzahl würde auch die Herausgabe von 4 oder 5 Informationsschriften jährlich finanziell verantwortbar sein.An Themen und Aktuellen Meldungen, auch für die zehnfache Menge an Seiten zu füllen, fehlt es uns nicht, eher schon an der Zeit. Sowohl das Schreiben der Beiträge, wie auch die Herstellung und der Versand der Hefte der vergangenen zwei Jahre, wurde überwiegend von immer denselben drei Personen, namentlich Herrn Arndt, Herrn Sojer und mir, erledigt. Auch dies selbstverständlich in unserer Freizeit und neben all der anderen Arbeit, die die Führung der Gesellschaft und die Betreuung der laufenden Projekte erfordern.

Und in der Tat sind wir mit erheblich mehr Projekten beschäftigt,als die Berichte in unserem Informationsheft wiederspiegeln.

In früheren Heften erwähnte Aktivitätenfür die Erhaltung des Prinz-Alfred-Hirsches, der Roloway-Meerkatze, des Gelbbrust-Kapuziners, der Ecuadoramazone usw.sind keineswegs zu den Akten gelegt. Im Gegenteil, all diese Projekte kamen ein gutes Stück voran. Bei einigen dieser Arten haben zoologische Gärten inzwischen sowohl administrativ wie auch finanziell entscheidende Beiträge geleistet, wie etwa Berlin (West) und Mulhouse beim Prinz-Alfred-Hirsch, Mulhouse und Rotterdam bei der Roloway-Meerkatze und Jersey beim Gelbbrust-Kapuziner.         

Arbeit mit diesen Projekten bleibt uns dennoch, jedoch wird deutlich, dass wir mit unseren beschränkten finanziellen Möglichkeiten unsere Hauptaufgabe darin sehen, auf wenig bekannte, hochbedrohte Arten aufmerksam zu machen, evtl. mit kleineren Geldbeträgen erste Nachforschungen zu finanzieren und dann finanzkräftigere und/oder einflußreichere Mitstreiter zu suchen. Diesen Weg haben wir, wie ich meine, durchaus erfolgreich bei zumindest einigen der oben erwähnten Arten wie auch beim Spixara beschritten.

Sicher wird sich so mancher nun fragen, ob es dazu nun gerade uns braucht, da doch die großen internationalen Naturschutzvereinigungen eigentlich den Überblick über all die gefährdeten Arten haben müßten. Dem ist aber nicht so, nicht zuletzt deshalb, da, gemessen an dem Ausmaß der weltweiten Umweltzerstörung, auch diese  großen Organisationen weder genug Gelder oder Mitarbeiter haben, um nicht doch eine Anzahl der weniger im Rampenlicht stehenden Arten durch ihre Maschen schlüpfen zu lassen. Mit unserem vielen Kontakten in zahlreiche Ländern gelingt es uns dann eben, so manche dieser „durchs Netz geschlüpften“ Arten aufzuspüren. Glücklicherweise sind wir uns hier häufig der Mitarbeit besonders engagierter Personen sicher, die mit bescheidesten Mitteln jene Daten besorgen, die entscheidend sind, um bei WWF, Zoos oder Behördenstellen weitere Unterstützung für  ein Artenschutzprojekt zu erhalten. Stellvertretend sei hier nur Sally Walker genannt, die mit nur DM 800.- wochenlang über tausende von Kilometern kreuz und quer durch Indien reiste, um den Status des hochbedrohten Manipur-Leierhirsches zu eruieren. Dieses Projekt wird in diesem Mitteilungsblatt kurz vorgestellt, und wir werden über die ziemlich beunruhigenden Daten, die Sally Walker inzwischen zusammengetragen hat, im nächsten Heft ausführlicher berichten.

Da der  sinnvolle Einsatz relativ kleiner Geldbeträge nun schon durchgängiges Thema dieser Abhandlung ist, sei mir erlaubt, nochmals zum Spixara zurückzukehren: Dem Bericht von Herrn Roth in diesem Heft ist zu entnehmen, dass mit US$ 400.- also umgerechnet etwa DM 800.- , die Bewachung der letzten zwei oder drei freilebenden Spixaras für einen Zeitraum von 5 Monaten finanziert wurde,und sicher wird sich so mancher Leser fragen, ob dieser Betrag denn in Anbetracht der von Herrn Roth geschilderten praktisch aussichtslosen Lage sinnvoll eingesetzt wurde. Wir denken schon, denn obwohl Spixaras früher einmal in Gefangenschaft gezüchtet wurden, hat kein einziges der augenblicklich lebenden Exemplare bisher jemals gezüchtet. Das noch in Freiheit befindliche Paar hat nach derzeitigen Kenntnisstand in der bewachten Region früher jedoch schon erfolgreich gebrütet und könnte die bekannte Weltpopulation des Spixaras durch nachzuchten in den kommenden Jahren schneller vermehren als die in Volieren gehaltenen Vögel, von denen einige ja schon seit mehreren Jahren als potentielle, aber bisher eben erfolglose „Zuchtpaare“ in Gefangenschaft leben.

Zum anderen sollte diese Bewachungsaktion auch eine Signalwirkung haben: Wie dem Bericht von Herrn Dr. Roth zu entnehmen ist, hat die Bewachungsaktion tatsächlich einen Fangversuch vereitelt und einen zweiten Fänger überhaupt davon abgehalten, eine solche Aktion zu wagen. Würde es in dieser Region noch 10 oder mehr Brutpaare geben, wäre die Bewachungsaktion wohl nur unwesentlich teuerer gewesen. Wir haben also den Beweis erbracht, dass die Bewachung einer hochbedrohten Papageien-Brutpopulation mit dem doch recht bescheidenen Betrag von nur ca. DM 160.-monatlich durchzuführen ist und dass die engagierte Mitarbeit der Landbevölkerung dafür zu gewinnen ist.

Dies sollte allen jenen zu denken geben, die zwar einerseits bereit sind, für abertausende Mark einen seltenen Papagei zu kaufen, jedoch eine auch nur kleine finanzielle Unterstützung für die Erhaltung freilebender Populationen mit den Hinweisen verweigern, dass eine solche Aktion sowieso sinnlos und das Hirngespinst romantischer Naturschutzträumer sei, oder aber kleine Beträge sowieso nichts bewirken können.

Ich hoffe mit diesen Zeilen aufgezeigt zu haben, dass wir trotz der etwas spärlichen Informationen,die wir Ihnen, liebe Mitglieder und Freunde der Gesellschaft, zukommen lassen, durchaus aktiv für unsere Ziele arbeiten, und dass wir mit den uns anvertrauten Spendengeldern und Mitgliedsbeiträgen sorgfältig und sparsam umgehen. Bitte helfen Sie uns auch, zusätzliche Mitglieder und Förderer für die Gesellschaft zu gewinnen.

Roland Wirth

1.Vorsitzender          

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( If you drive out nature with a pitchfork, she will soon find a way back)

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